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Leipzig zum Verweilen

Marianne Eppelt (Hrsg.)
Gestaltung: Katinka Reinke
Leipzig zum Verweilen
Reclam Verlag, Ditzingen 2020

112 Seiten, 10.- €

Spotlight

Leipzig – eine Einladung zum Verweilen. Das trifft es ganz gut. In Brevierform finden sich Auszüge aus den Werken von Schriftstellern, die in besonderer Weise mit der Stadt verbunden waren (oder sind) und Themen, denen nicht (mehr) so große Aufmerksamkeit geschenkt wird: Glaube und Revolution – Stadt- und Pfarrkirche St. Nikolai. Der historische Kontext wird fortgeführt über den Bericht von Kathrin Wilder: Montagsnächte – 9. Oktober 1989. Erinnerungen an dramatische Stunden, der noch nicht entschiedene Kampf um die Demokratie, die Furcht vor Rückschlägen und die Kirche als Ort der Zuflucht. Oder Leipzigs Kopfbahnhof: Jaroslav Rudiš erzählt die augenzwinkernde Geschichte vom uralten Wenzel Winterberg und dem jungen Jan Kraus über das Phänomen der Kopfbahnhöfe. Ein Kunststück über Technik, Mobilität, Architektur und Politik. Oder die gefeierte Geschichte der Deutschen Nationalbibliothek. Versehen mit einem bitterbösen Essay von Egon Erwin Kisch: „Hetzjagd durch die Zeit – Die Giftschränke der Deutschen Bücherei“. Denn hier geht es nicht (nur) um das Gedächtnis der deutschen literarischen Nationalkultur, es geht um die „Kartothek der verbotenen Druckschriften“. Indexbücher, gebannt, verfemt, zur Vernichtung freigegeben. Und dies weist weit über die DNB hinaus in die Mitte der Gesellschaft. Oder zur Besichtigung das Graphische Viertel: Jenes Quartier, das ganz im Zeichen der Buchproduktion und ihrer Verwertung stand. Verbindungen bestehen zum Schuhmann-Museum, zum spätklassizistischen Wohnhaus Felix Mendelssohn Bartholdy, zur Edward-Grieg-Begegnungsstätte und dem Verlagssitz Edition Peters (vormals C.F. Peters – Bureau de Musique), für die Schuman in seiner Neuen Zeitschrift für Musik seit 1834 Neuerscheinungen besprach.

Ein „literarischer Reiseführer“ abseits des Mainstreams, der die Stadt auf eine ganz besondere Weise erkunden lässt. Empfehlung!

Ingo-Maria Langen, September 2020