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Leipziger-Buchmesse-2019 (3)

Ryokan 旅館

Gabriele Fahr-Becker
Ryokan 旅館

Zu Gast im traditionellen Japan
Fotografien von Narimi Hatano und Klaus Frahm

Könemann, Königswinter 2005

336 Seiten, geb., Schutzumschlag, (Hakkei-tei im sukìya-Stil erbautes Hosho-dai-Gästehaus der Lords von Hikone, heutige Ryokan Hakkei-tei), zahlreiche Farbabbildungen, Glossar, Literaturhinweise
Vorsatz (Nagaskai), Nachsatz (Dorf bei Fujijama),
Frontispiz (Maruyama Ōkyo: Byöbu „Wistaria“)

Der Raum im Jahresgefüge

Eine Ergänzung zur Besprechung der „Geschichte Japans“ von W. Schwentker (Dezember 2023) im Hinblick auf das traditionelle Japan bietet sich aus architektonischer Sicht mit „Ryokan“ an. Das von Schwentker als japanisches Leitmotiv einer insularen Spiegelwelt referierte Klammerprinzip von Innen (soto) und Außen (uchi) – Kitarō Nishida akzentuiert: kigami utsusu [鏡 写す] Spiegelübertragung) – bedeutete für das abgeschlossene Land nach der Reichseinigung unter Tokugawa eine rege Binnendynamik. Fahr-Becker zitiert Engelbert Kaempfer: „Die großen Fernstraßen dieses Landes sind jeden Tag von einer unglaublichen Anzahl Reisender bevölkert und zu bestimmten Zeiten fand ich hier mehr Menschen als in den Hauptstädten Europas.“ Der Tōkaidō als Hauptreiseweg von Edo nach Kyōto bot Quartiere nach Baukunst und Wohnkultur im Stil der Heian-Periode (794 – 1185). Noch heute üben diese architektonischen Kleinode einen unwiderstehlichen Reiz auf den Betrachter aus, erlauben sie doch einen Blick zurück in eine entfernte Vergangenheit, die für uns lebendig erhalten geblieben ist. Der reichhaltig bebilderte Band entführt den Leser in eine Welt, die ihm oftmals nur über Dokumentationen oder aus Filmproduktionen bekannt sein dürfte. Hier wird Wohnkultur als Gesamtkunstwerk vorgestellt, dem es mit vorsichtiger Zurückhaltung zu begegnen gilt.

Bereits zu Beginn eröffnet sich dem Reisenden eine Vorahnung: er wird eine ganz eigene, abgeschlossene Welt betreten, das geschäftige Leben in Tōkyō, Ōsaka oder Kyōto verlassen, in ein Stück gegenwärtige Vergangenheit eintauchen. Liegt das Gästehaus in einem traditionellen Landschaftsgarten (tsukiyama), einem Teegarten (chaniwa) oder einem Trockengarten (karesansui) mit seinen typischen Elementen aus dem Zen-Buddhismus (sorgsam geharkter Sand oder kleine Steine sowie Felsen, die an Flüsse, Teiche, Inseln und Berge erinnern sollen), leiten diese Eindrücke den Besucher auf sanfte Weise hin zum japanischen Verständnis von soto und uchi. Man muss sich bedingungslos darauf einlassen, um zu erfahren – oder scheitern. Das scheinbar Widersprüchliche in eins setzen, denn es ist immer beides, honne und tatemae: Das oft angestrengte Lächeln des Japaners in tatemae (Maskerade); es gilt, die Harmonie nicht zu inkommodieren, das Gegenüber nicht in Verlegenheit zu bringen. Und honne, die wahren Gefühle, die nur im engsten Kreis bekannt werden. Oberfläche und Tiefenschichten. Beides spiegelt sich auch im Kulturgut Ryokan: das schöne Äußere, die den Betrachter ergreifende und betörende Harmonie, und doch liegt deren wirkliche Bedeutung unter unzähligen Tiefenschichten verborgen, die es mühsam zu erschließen gilt. Nichts ist wie es scheint. Die shakkei-Regel etwa lebt das Prinzip der geborgten Landschaft: die vorhandene Umgebung wird in die Gartengestaltung mit dem Ziel einer natürlichen Harmonie eingebunden. Architekten und Gärtner planen Ausrichtung von Hecken und Mauern zum Wohlgefallen des Auges das weniger Attraktive auszuschließen. Je nach Gestaltung und Ort sind deshalb die Bezüge zur Natur von herausgehobener Bedeutung: ein frühsommerlicher Ahorn vor dem Eingang vermittelt je nach Tageszeit mit dem auf ihm ruhenden Sonnenlicht bereits ein meditatives Gefühl des Ankommens.

Weitläufige ryokan laden den Gast mit überdachten Passagen ein, die einzelnen Gebäudeteile zu umrunden und zugleich einen variierenden Blick auf innere Gartenanlagen zu richten. Doch zunächst gilt es, sich als Gast auf das Selbstverständnis des Gastgebers und dessen praktischen wie zeremoniellen Aufwand einzustellen. Ein ryokan besucht der Gast nicht im Sinne einer Übernachtung westlicher Praxis: schnell rein, schnell raus, Nutzen ohne Haltung. In Japan gilt für dieses traditionelle „ie“ 家 (Haus) eine besondere Etikette und Ablaufregel. Man checkt erst ab 15 Uhr ein, die Zeit davor wird zur peniblen Vorbereitung auf den nächsten Gast benötigt. Nach 17 Uhr sollte der Reisende ebenfalls nicht ankommen, das Ritual für die bereits Angekommenen würde empfindlich gestört: bis zum Abendessen zwischen 18 und 19 Uhr (niemals später) sucht der ermattete Reisende das o-furo, das japanische Bad auf, eine Zeit zur Einkehr der Seele und kontemplativer Beschaulichkeit. Verlassen wird das ryokan bis 11 Uhr morgens. Dieses Herzstück zwischen Etikette und Wohlbefinden des Gastes ist Ausdruck hoher Kunstfertigkeit im Umgang mit dem Leben: mit jeder Tasse Tee, jedem Atemzug und inneren Haltung. Das Behagen, die Privatheit, das Vergnügen, nichts soll irritieren. Diese Abgeschiedenheit ermöglicht ein völlig gelöstes zu sich selbst kommen, den eigenen Empfindungen nachspüren, sich im Einklang befinden. Es mag der Blick auf Fuji-san sein, in der Ferne getaucht in frühmorgendliches Nebellicht oder die Ise-Steine im Hausgarten, auf die kein Sterblicher seinen Fuß setzen soll (im Ise-Shinto-Schrein) oder die Tusche-Kalligrafie inmitten von Naturgeräuschen des Gartens.

Zur Nacht im Schlafraum die midaré-bako, eine tablettähnliche Kassette zur Aufbewahrung von Kleidung, das vorbereitete Futon und eine Lampe in einer Nische, die shoji mit leisem Schiebegeräusch geschlossen. Am Morgen zu acht Uhr das Frühstück im Schlafraum auf einem Tablett: grüner Tee, Fisch, Tofu, Gemüse, Bohnenpaste, Reis, Miso-Suppe. Die jochū-san serviert es bei klassischer Verbeugung in seiza (正座).  Mit einem „Teegeld“ verabschiedet der Gast sich, nimmt ein kleines Geschenk des Hauses entgegen und wird winkend wieder bis zum Horizont in eine andere Wirklichkeit entlassen.

 

„Verbirg dein Schwert hinter einem Lächeln“

Architektur bei Fahr-Becker greift jedoch weiter aus. Sie behandelt neben der Burg- und Pagodenbaukunst sowohl die Kunst des Kendō als Fortführung des Iaitō (居合 刀 / ), der alten Schwertkampfkunst der Samurai, als auch die Zusammenführung von Kunst, Kultur, Natur und Kultus. Besonders die kultischen Aspekte eröffnen einen Einblick in das Zusammenwirken von shintō und Buddhismus: „Man kann sich die japanische Situation respektive das Verhältnis von autochthonen shintō-Traditionen und importiertem Buddhismus am besten so vorstellen, als hätten wir in Mittel- und Nordeuropa neben Christentum und Kirchen mit entsprechender Liturgie bis heute auch noch die heidnischen Kulte bewahrt. (…) Das Erstaunliche liegt darin, dass solche Kulte durchaus nicht primitiv sind, wie uns die christliche Bekehrungsgeschichte weiszumachen versuchte. Ihnen liegt ein traditionelles Philosophiegebäude zugrunde, das wesentlich auf die Harmonisierung gegensätzlicher Kategorien der lokalen Umwelt ausgerichtet ist. Das Alltagsleben passt sich an, ist lediglich profanierte Form ritueller Handlungen. Die rituellen Ordnungen spannen im Haus ein relatives Netz von Kultstellen und Ein- und Zugängen, zwischen denen der offene Freiraum, der Kultraum oder der ganze Innenraum des Hauses wie in einer shintō-Anlage oder einem Tempel hierarchisch geordnet erscheint.“  Das Verborgene – im Schatten Das Hell-Dunkel, der Schattenwurf, in der europäischen Maltradition mit dem Chiaroscuro (Caravaggio) populär geworden, findet sich in der japanischen Tradition bereits sehr früh in der Architektur. Ihre Baumeister wussten Schattenwürfe zu nutzen, um die Illusion zu erzeugen, der gegenständlichen Welt ihre Erdenschwere zu nehmen. Dunkler Stein auf schneeweißem Hintergrund, nuancierte Tageslichtführungen, überstehende Traufen, spiegelndes Licht auf glasierten Ziegeln, die einen Schatten über den Eingang legen, nur erhellt von einer Reispapierlaterne, erzeugen eine gleitende Stimmung. Fahr-Becker zitiert aus „We Japanese“ (Fujia-Hotel, Ltd. Hrsg.,1949): „Die Qualität, die wir Schönheit nennen, muß immer aus den Realitäten des Lebens erwachsen, und unsere Vorfahren, gezwungen in dunklen Räumen zu leben, entdeckten sogleich die Schönheit in den Schatten, um letztlich die Schatten selbst zu vollendeter Schönheit zu führen. Daher kommt es, daß die Schönheit eines japanischen Raumes von der Variation an Schatten abhängt, schwere Schatten gegen lichte Schatten – nichts anderes hat es an sich.“

 

Fahr-Becker gelingt es neben der prachtvollen Bebilderung einen kulturell-künstlerischen Text zu den unterschiedlichen Formen des Ryokan zu fertigen, der zwischen Reiseführer und Kunst-Meditation oszilliert, und einen aufschlussreichen Einblick in die kulturellen Prägungen Japans bietet.

Ingo-Maria Langen, Februar 2024