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Die aufgeregte Gesellschaft

Philipp Hübl
Die aufgeregte Gesellschaft
Wie Emotionen unsere Moral prägen
und die Polarisierung verstärken

bpb, Bonn 2020 – Sonderausgabe –
429 Seiten, 7.- €

Philipp Hübl studierte Philosophie und Sprachwissenschaften in Berlin, Berkley, NY und Oxford. Es folgten Lehraufträge u.a. in Aachen, Berlin und Stuttgart. Seit 2017 schreibt er die Kolumne „Hübls Aufklärung“ im Philosophie Magazin.

 

Lesezyklus

  1. Was ist und wie entsteht Moral?
  2. Was bedeutet die Moral in der politischen Praxis?
  3. Angst und politischer Ekel

Würden Sie mir zustimmen, das Jahr 2020, zugleich der Beginn einer neuen Dekade, als Katastrophenjahr zu beschreiben? Eine Pandemie bekommt (gottlob) nicht jede Generation mit. Ich will hier auch nicht davon sprechen, dass es uns extrem schlecht geht. Da brauchen wir nur in andere Weltgegenden zu schauen: Aserbaidschan und Armenien ist nur ein Stichwort. Die Waldbrände in Australien oder Kalifornien sind andere. Die extreme Erwärmung der Meere, die Abschwächung des Golfstroms weitere. Wir haben wahrlich genug Themen von großer Bedeutung. Die sollen hier aber nicht besprochen werden. In Ergänzung zum Geert Keil-Lesezyklus will ich versuchen die andere Seite der Medaille zu beleuchten: die Emotionalität in unserem Verhalten, unseren Entscheidungen. Sie bringt uns vielfach dazu in konkreten Situationen nicht angemessen zu kommunizieren. Sofern möglich, können wir das später entschuldigen und Besserung geloben. Manchmal geht das leider nicht. Besonders problematisch sind jene Zeitgenossen, die ausschließlich ihrem Bauchgefühl folgen und so zu „gefühlten Fakten und Wahrheiten“ kommen, die sie mit anderen teilen, die ähnlich fühlen und einen vergleichbaren Erfahrungshorizont haben. Häufig ist Empörung und Zorn über vermeintliche oder tatsächliche Ungerechtigkeiten der Auslöser für unsere Werturteile. – Doch der Reihe nach.

  1. Was ist und wie entsteht Moral?

 

Moral entsteht für das Individuum aus einem dualistischen Strukturprinzip: biologisch ist die Hälfte für unsere emotionale Verortung mit ihren Ausprägungen von Nähe- oder Fernebedürfnis, die andere Hälfte über die Sozialisation bis in die späte Adoleszenz hinein verantwortlich. Das OCEAN-Modell zeigt die sogenannten BIG-Five: Offenheit für Erfahrungen (Aufgeschlossenheit), Gewissenhaftigkeit (Perfektionismus), Extraversion (Geselligkeit), Verträglichkeit (Rücksichtnahmen, Kooperationsbereitschaft, Empathie) und Neurotizismus (emotionale Labilität und Verletzlichkeit) als Prägebasis, die sich über die Jahre kaum verändert. Die Erziehung setzt individuell unterschiedliche Präferenzen unter den BIG-Five, je nach eigener sozialer Prägung, nach Umfeld oder erstrebtem Wechsel der Gruppenzugehörigkeit.

 

Statt Gruppe ließe sich auch „Stamm“ sagen. Unsere archaische Grundverortung liegt (auch heute noch) im Stammesdenken. Die Organisation eines Stammes schützte vor äußeren Gefahren, förderte in gewissem Umfang individuelle Fähigkeiten (sozialer oder Gruppennutzen), sicherte das Überleben (Essen) und sorgte für das Bestehen (Fortpflanzung). Heute sind wir von diesen Grundelementen nicht so weit entfernt wie wir oft glauben machen. An die Stelle archaischer Organisation zum Überlebensschutz ist heute die soziale Gruppe (Schicht) getreten, die wir mit anderen teilen. Die sozialen Gruppen, in denen wir uns bewegen (von Familie über Vereine, die Arbeit, das Ehrenamt usw.), teilen je für sich bestimmte Werte, die mit anderen Gruppen nur geringe oder gar keine Schnittmengen haben (müssen). Gleichwohl beruhen diese (speziellen) Werte immer auch auf der Basis der o.g. BIG-Five. Oftmals sind weitere Werte Ausprägungen (Unterformen) dieser Basiswerte. Werden diese verletzt, entsteht Abscheu (Ekel) aus der moralischer Zorn folgt (Empörung). Tritt Aggression hinzu, sprechen wir von Verachtung. Empörung und / oder Verachtung treten dann ein, wenn eine soziale Regel oder ein Gruppenwert verletzt wird. Je höher dieser Wert angesiedelt ist, je enger die Mitglieder sich damit identifizieren, je eher sie bereit wären ein Mitglied auszuschließen für eine Verletzung, desto massiver ist der Widerstand in der Gruppe. In der Politik lässt sich das regelmäßig bei der „AfD“ beobachten. Ihre (regelmäßigen) Ausfälle gegen den politischen Anstand („Schuldkultur“ statt Erinnerungskultur) oder fundamentale Prinzipien parlamentarischer Demokratie („Corona-Diktatur“) sind geläufig. Die Empörung der anderen Fraktionen beruht auf der Übereinstimmung im Geist der Verfassung (FDGO), parlamentarischen Regeln und der Überzeugung, dass Anstand auch in der politischen Öffentlichkeit kein verhandelbares Gut ist. Dass Sprache nicht nur herausfordern, sondern verletzen kann. Dass unser Gemeinwesen die Kraft, Integrität und Kreativität aller hier lebenden Menschen braucht, um sich zu entwickeln und eine Stimme im Konzert der Welt zu haben. Das schließt neben den Bürgern eben auch die zu uns gekommenen Migranten ein. Verstöße gegen diese Werte erfahren zu Recht Widerspruch.

 

Es geht also um Identitätsschutz. Daher greifen rechts-nationale Kreise auch nicht die Autorität als solche an: Sie reklamieren diese nur für sich. Denn Autorität ist einer der Schlüsselbegriffe. Dazu gehört noch Loyalität und Reinheit. Demgegenüber setzten Progressive (Liberale) auf Fürsorge, Fairness und Freiheit. Sie verfolgen ein offenes Gesellschafts- oder Gruppenmodell, das große Freiheitsgrade kennt und die individuelle Verantwortung einfordert. Die konservativ-reaktionäre Fraktion besteht auf Geschlossenheit, mangelnder Toleranz nach außen, der Unbedingtheit in ihren Werten, nachgerade einer Art Null-Toleranz-Politik oder der Sanktionierung des sich falsch verhaltenden Mitglieds. Hier wird viel mit Angst gearbeitet: Angst vor Ausschluss, vor Sanktionen, vor Disziplinierung, vor Verrat usw. Die Kontrollwut in diesen Gruppen ist hoch.

 

  1. Was bedeutet die Moral in der politischen Praxis?

 

Die sozialen Präferenzmodelle der Gruppen spiegeln sich im politischen Alltag. Exzessiv beobachten wir das im derzeitigen Präsidentenwahlkampf in den USA. Die Lagerpolarisierung hat so zugenommen, dass der Präsident offen rechtsradikale Gruppen (Proud Boys) anspricht, sich bereitzuhalten. Es insinuiert, er greife zu gegebener Gelegenheit auf sie zurück, denn er spricht ja immer davon, nur dann zu verlieren, wenn ihm der Sieg gestohlen werde. Eine paramilitärische Gruppe, die er weder zu verantworten noch zu regieren hat, ist da ganz hilfreich. Es wird mithin mit der (unbegründeten Angst) Politik gemacht. Die friedliche Übergabe der Macht nach einem Machtverlust offen infrage gestellt. Das hat selbst Nixon nicht gewagt. Bei uns wird derweil von „Umvolkung“ und anderem schwadroniert, um nach derselben Masche mit Vorurteilen und Angst Politik zu machen.

 

Geschickt setzen diese Kreise dabei auf emotionale Reaktionen ihres Publikums: Die „Umvolkung“ soll ihnen die Haare förmlich zu Berge stehen lassen. Nur noch einen Schritt weg vom Hort der nationalen Reinheit hin zur Übernahme durch fremde Völker! Morgen übernehmen uns die afrikanischen Stämme und übermorgen die asiatischen. In der Tat werden sich Menschen mit einer sehr konservativen Sozialisation moralisch angegriffen fühlen: der Gedanke der moralischen Infektion ist nicht weit. Davor kann man sich fürchten, vor allem aber ekeln: „Ekel liegt (…) dem moralischen Grundprinzip Reinheit zugrunde, das sich um Sex, Nahrung und den Tod dreht, und dem Prinzip Loyalität, bei dem es um Treue und Verrat geht. Wer diese Prinzipien verletzt, offenbart in den Augen von traditionell denkenden Menschen seine tierische Natur.“ (Hübl, 102) Entsprechende Metaphern sind bekannt. Hübl weiter: „Ekel lässt einige Menschen harsche Urteile über andere fällen, die in ihren Augen die falschen Ideen, Symbole oder Lebensweisen haben, selbst wenn von diesen gar keine Gefahr ausgeht.“ (ebd.) Politischer Ekel ist ein dynamischer Antreiber. Empfinden Personen so, dann geht es zumeist um „heilige“ Werte: das Leben, die Religion, die heterosexuelle Ehe, das Patriachat. (Hübl, 103) Aus diesem personalen Kontext heraus lässt sich die teilweise aggressive Haltung Evangelikaler gegenüber Roe v. Wade von 1973. Mit der Nominierung von Amy Cony Barrett könnte das vielleicht revidiert werden. Die streng katholisch ausgerichtete Barrett ist zunächst einmal nach dem Geschmack der Erzkonservativen. Es bleibt abzuwarten, ob sie die gewünschte Entwicklung auf dem Stuhl von RBG nimmt und ihrem Vorbild Scalia nacheifert. Doch auch der hat nicht immer so gestimmt wie es erwartet wurde. Da die obersten Bundesrichter auf Lebenszeit ernannt werden, ist aber die Möglichkeit einer streng konservativen Rechtsauslegung wahrscheinlicher geworden, was sicher auch die NRA freuen dürfte, die Wirtschaft (Steuern / Umwelt beides weniger), die Strafverfolgung. Die gesellschaftliche Entwicklung hin zu einer multipluralen, offenen Zivilgesellschaft mit vielen individuellen Freiheitsgraden dürften wir dann eher nicht sehen.

 

  1. Angst und Politischer Ekel

 

Sicher erinnern Sie sich noch an die neunziger: Helmut Kohl im Oktober 1992, auf dem Höhepunkt der damaligen Asyldebatte „Das Boot ist voll.“ Er reagierte auf rechtsnationalistische bis -radikale Kräfte (NPD / Die Republikaner), die eine Angst- und Überfremdungskampagne fuhren, um ihr politisches Süppchen zu kochen. In diesen Zusammenhängen fällt gerne das Wort von „Parasiten“. Der Schutz davor wird gesteuert über unseren Ekel. Damit vermeiden wir, etwas zu uns zu nehmen, das verdorben oder infiziert ist. In der politischen Propaganda wird das Parasitenmodell sinnenfremdet übertragen auf unerwünschte Personen oder Gruppen, die damit einem Stigma verfallen sollen: sie könnten uns infizieren. Derart konditioniert neigen Menschen dazu im Kollektivismus Schutz zu suchen und meiden jeglichen Individualismus. Damit tragen sie das „Parasitenmodell“ weiter, denn die „Anderen“ könnten ja jenseits des Stigmas wirklich mit Parasiten verseucht sein. Weiß man’s? Die Abschottung der eigenen Gruppe wird zum Entwicklungscluster für politisch radikale Ansichten. Begünstigt werden hier soziale Isolation, Wut und Ablehnung von Eliten. Diese Mechanismen gelten als Treiber für eine Modernisierungsverweigerung, der Sehnsucht nach klaren Ordnungsprinzipien und einem Anführer, der die Richtung vorgibt. Faschistische Gedanken oder Ideologien liegen da nicht mehr fern. Sie treten dann zutage, wenn sich eine menschenverachtende Grundeinstellung in der Gruppe breitmacht. Hier sind die Prägungen durch Erziehung und Umfeld (neben unserer biologischen Anlage) entscheidend: Erleben wir in der Kindheit ein Umfeld, das von Liebe, Zuwendung, Geborgenheit, aber auch Offenheit und Mitgefühl geprägt ist, so neigen wir kaum zu autoritärem Gehabe, geschweige zu Suprematiefantasien. Dieses „Wir sind besser-Gehabe“ führt in seiner extremen Ausprägung zu Freund-Feind-Denken und damit zur Basis für extreme Auseinandersetzungen bis hin zu Krieg. Unsere Geschichte ist reich an Erfahrung dazu.

Kurz zusammengefasst: Th. W. Adornos Analyse zum „autoritären Charakter“ spitzt die Entwicklung auf zwei Faktoren zu: den autoritären als unterwürfigen Mitläufer und den dominanten Menschenfeind. Beide weisen wie hier ausgeführt niedrige Offenheit aus, der Menschenfeind dazu noch mangelndes Mitgefühl. Die biologischen Grundanlagen werden über eine strenge Erziehung, die Überbetonung von Überlegenheit und durch soziale Ungleichheit in der Gesellschaft befördert. Ein autoritärer Hang schlägt schnell um in die Suche nach dem straken Anführer, notfalls auch unter Abschaffung der Demokratie, die man mit ihren eigenen Mitteln bekämpft, bis sie zum Umschlagspunkt gelangt, an dem man hoffen kann sie zu übernehmen…

Ingo-Maria Langen, Oktober 2020