Balance of Powers

Thomas Ruster
Balance of Powers
Für eine neue Gestalt des
kirchlichen Amtes

Verlag Friedrich Pustet
Regensburg 2019
232 Seiten 22.- €

 

 

Zusammenfassung:
Die Vielfältigkeit der Krisenentwicklungen in der katholischen Kirche gründet gerade auch in ihren Strukturen: Die Macht eines (Priester)Amtes, dessen Form immer noch mittelalterlicher Prägung entstammt. Hier setzt Thomas Ruster an, weitet die Perspektive des Amtsverständnisses und kommt zu der ebenso kreativen wie einfachen Modellierung eines dreigliedrigen Amtes, zu dem man sich auf Zeit berufen lassen könnte.

 

Thomas Ruster, Professor für Systematische Theologie am Institut für Katholische Theologie der TU Dortmund.

Steckt die katholische Kirch bereits mitten im Umbruch?

Die Krise in der katholischen Kirche ist eine Struktur- und Leitungskrise (vgl. dazu u.a. die Besprechung: „Nicht ausweichen“). Ihre Ursachen sind vielfältig: von der Machtkonzentration im Amt des Bischofs bis hin zu einer unauthentischen Sprache, die fremde Soziolekte nutzt, weil sie die ihre eigenen nicht findet und die Gemeinde ratlos lässt. Inzwischen wird mit doppeltem Boden formuliert, etwa: „Da höre ich jetzt aber gerne zu.“ Gemeint ist aber: „So ein Schwachsinn, der hat doch keine Ahnung.“ Das ist eine verstörende Tendenz, die allerdings auch den Bedingungen einer Umwälzungssituation geschuldet ist. Nun hat die DBK mit Georg Bätzing gerade einen neuen Vorsitzenden gewählt. Möglich, der begonnene Reformkurs stabilisiert sich.

„Der Priestermangel ist ein Zeichen Gottes an die Kirche.“ So zitiert Ruster Eingangs einen Kollegen aus der Praxis. Ruster ergänzt: Gott will uns sagen, die Kirche braucht eine neue Gestalt. Das ist, auf den Punkt gebracht, Kern wie auch Vision dieses Buches.

Dazu unterbreitet Ruster drei Vorschläge:

  1. Eine neue Gestalt des Amtes ist mit der Tradition der katholischen Kirche vereinbar. Anknüpfend an die Beschlüsse und Erarbeitungen des Zweiten Vatikanums könnte die neue Gestalt biblischer sein als jene es bislang ist. Das Sakrament der Weihe bleibt in Kraft, wird aber geöffnet. Der Unterschied zwischen allgemeinem Priestertum und den Geweihten bleibt erhalten, bekommt aber eine geänderte Struktur.
  2. Die gegenwärtige, im Mittelalter basierte Amtsform, würde modernisiert, gegenwartsfähig: „Sie setzt auf Partizipation, Kommunikation und Lernfähigkeit.“
  3. Es gibt in der Praxis bereits vielfältige Ansätze, in denen gerade Laien in einem Wort-Gottesdienst wichtige Formen dazu übernehmen. Diese müssen weitergedacht und institutionalisiert werden. Daraus ergäbe sich ein differenziertes Aufgaben- und Leitungsspektrum, mit dem Ziel die Gemeinden zu ertüchtigen und wieder lebendiger (sprich mit mehr Teilnehmern versehen) werden zu lassen.

Die Liturgie ist öffentlicher Kultus, d.h. sie ist eine öffentliche Veranstaltung, zu der die ganze Gemeinde eingeladen ist. Wo hat das seinen Ursprung und was war damit (neben dem Ritus) verbunden? Die λειτουργία ist eingebunden in den sogenannten Grundvollzug, die Hauptaufträge der römisch-katholischen Theologie, deren Organisation (Kirche) überhaupt erst ein Gemeindeleben in Vollzug setzt. Dazu gehören neben der Liturgie das Zeugnis (martyría) und die Diakonie.  Eng gefasst handelt es sich um die Drei-Ämter-Lehre Christi. Das prophetische (Magisterium), das priesterliche (Sacerdotium) und das königliche oder auch Hirtenamt (Regimen). Die Feier des Gottesdienstes inkludiert diese einzelnen Formen zur Komposition des Dienstes an der Gemeinde. Die Besonderheit, die Ruster als Bruch beschreibt, ist die Stellung des Priesters. Er als einziger darf aufgrund seiner Weihe das Sakrament der Eucharistie spenden. Ein Bruch kann deshalb darin gesehen werden, weil die beiden anderen Ämter, die gelichwohl durch Jesus eingesetzt wurden, dessen nicht bedürfen. Wie kann man nun eine neue Form des Amtes denken, ohne die Tradition zu verlassen?

Basisdemokratie in der Kirche?

Dazu stellt Ruster die Gemeinde als lebendige Basis in den Mittelpunkt. Sie soll nach den geeigneten Köpfen, denen das notwendige Charisma innewohnt suchen, diese ansprechen und zur Wahl im Pfarrgemeinderat vorschlagen. Dieses partizipative Vorgehen würde sowohl dem Auswahlprozess guttun als auch der Legitimation des/der Gewählten, der Konsens auf Basisebene wäre wie Mörtel (röm.: Opus caementitium). Er bindet. Doch bevor diese Bindung eintreten kann, muss der/die Angesprochene eine Zeit haben, sich des in ihm erkannten Charismas bewusst zu werden, um sich in den Dienst der Gemeinde zu stellen. Gelingt dies, so wird die Person dem Bischof vorgeschlagen, der sie beruft (oder nicht). Da der Bischof immer zu allen drei Ämtern ordiniert, kann er diese auch getrennt vergeben. Anders gewendet: Die Berufung erfolgt immer sakramental, für jedes einzelne der drei Ämter. Sofern jemand ein Amt öffentlich ausübt, zu dem er durch die Taufe bereits vorausersehen ist, muss das allerdings entsprechend sanktioniert sein. Mithin können Laien auch diese Ordination erfahren, sofern ein entsprechendes Charisma vorliegt. Die Ämter sollten zudem nicht auf Lebenszeit versehen werden, sondern auf drei bis zehn Jahre ordiniert werden. „Berufliche Hauptamtlichkeit ist kein Merkmal eines kirchlichen Amtes“, so der Autor, auch wenn wir daran gewöhnt waren – bislang. Die mit einer solchen Berufungsernennung verbundene Qualität ist nicht nur auf formalem (demokratischen) Wege eine besondere, sondern sie ist es vor allem auch inhaltlich in Bezug auf die Wahl: Der/die Gewählte erfährt eine ganz besondere Wertschätzung, die aus der Mitte der Gemeinde kommt und ihn mit der besonderen Autorität und Legitimation der christlichen Gemeinschaft versieht. Das ist die biblische Vorgehensweise Gottes, der Menschen aus der Mitte einer Gemeinschaft für den Dienst an ihr beruft. In der Praxis der Gemeinde kann das auch bedeuten, über ihre Grenzen hinauszuschauen, um jemanden zu finden, der sich berufen lässt. Ruster weist zu Recht darauf hin, dass Menschen oft erst ermutigt werden müssen, sich etwas zuzutrauen, Menschen, die meinen, niemand nehme sie wahr, brauche sie. Es mag darin eine Kernerarbeit stecken, aber sie könnte vielen Gemeinden zu einem blühenden Leben verhelfen. Doch dazu müssen wir alle anpacken. Helfen, fragen, diskutieren, uns kümmern, das Christliche in den Fokus stellen, nicht uns selbst. Des Weiteren: Die Splittung der Ämter birgt für den Geistlichen die Chance einer Entlastung von vielen Aufgaben, so dass auch hier eine Fokussierung auf seine priesterlichen (seelsorgerischen und liturgischen) Aufgaben möglich wird. Wie weit die drei Ämter in der Praxis eine Ausgestaltung erfahren, bliebe abzuwarten.

Die Eucharistie

In der Abendmahlfeier wirken die drei Ämter dann wieder zusammen: die Einbindung des Gottesdienstes in das Gemeindeleben (königliches Amt), der Wortgottesdienst (prophetisches Amt) sowie der eucharistische Teil einschließlich der Kommunion (priesterliches Amt). Frauen und Männer können daran gleichberechtigt teilhaben. In Verbindung mit der genannten Befristung liegt gerade darin die praxisrelevante Abweichung: Weil es kaum jemandem zuzumuten wäre, sich lebenslang dem Zölibat zu verschreiben, füllt er sein Amt nur auf Zeit aus (auch das priesterliche), wäre die Diskussion um Zölibat und Frauenweihe obsolet. Dann nämlich, so schreibt Ruster pointiert, „können wir uns auf Priesterinnen, Prophetinnen und Königinnen freuen.“ Mit der Vorgabe des Konzils wäre es vereinbar.

Der Bischof

Das Bischofsamt bliebe in seiner heutigen Form bestehen. Die drei Ämter muss er selbst innehaben, damit er sie je einzeln ordinieren kann, Bischöfinnen in der katholischen Kirche mithin vorstellbar, ja wünschenswert. Auch der Diakonat (Apg. 6) würde eine Profilierung erfahren. Da er nicht mit einem der drei Ämter identisch ist, würde hier die Fokussierung auf den Tischdienst, die Armenfürsorge, sozialen und politischen Einsatz liegen sowie auf Vermögensfragen.

Eine strukturelle Formalisierung (Hierarchie) der Ämter bliebe so erhalten und würde deren Aufteilung einer gemeindlichen Teilhabe entgegenkommen und damit gestalterische Möglichkeiten eröffnen. Zumal wir damit auch eine politische Teilhabe verbinden dürfen.

Gesellschaftspolitische Dimension

Die Rede von der Kirche wurde bis zum II. Vaticanum generell mit der societas perfecta in Verbindung gebracht, der vollkommenen Gesellschaft. Aufgefasst wurde das lange als ein Vorbild im Sinne einer fehlerlosen Gesellschaft, in der alle Ideale verwirklicht seien. Doch gemeint war immer nur eine Gesellschaft, die schlicht aus sich selbst heraus bestehen konnte. Diese ist im Wandel, wenngleich auch von einem zähen Ringen begleitet. Findet sie wieder Anschluss an die Ursprünge des antiken Christentums, die auch die Nicht-Bürger, die Sklaven und andere mit in die Gemeinde der christlichen „Vollbürger“ nahm, dann verwirklicht die Kirche nicht nur das jesuanische Ideal, sondern gleichfalls den politischen Anspruch auf Gehör in der säkularen Gesellschaft, im Tun um Gerechtigkeit: Würde für alle Menschen, gleich welcher Herkunft, Brot für alle, Sicherheit und Bildung für alle.

Die Öffentlichkeit, die es dafür braucht, geht mehr und mehr verloren für die Kirche. Es ist an ihr, sich selbst an Haupt und Gliedern zu reformieren, um neue Kraft und Glaubwürdigkeit zu erringen im Kampf mit den Schwächen und falschen Propheten der weltlichen Gesellschaft. Nur darüber können Vertrauen und Authentizität wieder den Stellenwert bekommen, den Kirche benötigt, um verlässlich Orientierung in ‚modernen‘ Zeiten geben zu können.

 

Fazit: Mit dem differenzierten Ansatz von Thomas Ruster könnte es gelingen, das verknöcherte Amtsverständnis (inklusive des Lehramts) der katholischen Kirche zu erneuern und zugleich für die Priester neue gestalterische Freiräume zu eröffnen und damit persönlich entlastend zu wirken. Darüber hinaus inkludiert dieses Modell die stille Aufhebung des Pflichtzölibats sowie die Einführung der Weihe von Frauen zu Priesterinnen. Ein Weg, der gute Traditionen belässt, andere verändert und im Prinzip da anknüpft wo Kirche herkommt – bei Jesus.

Ingo-Maria Langen, März 2020