Interview Nora Bossong

Bossong, Nora

Nora Bossong, studierte Literatur, Kulturwissenschaft, Philosophie und Komparatistik an der HU-Berlin, in Potsdam sowie an der Sapienza in Rom. Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit dem Peter-Huchtel-Preis sowie mit dem Kunstpreis Berlin und dem Roswitha-Preis. Im Herbst 2019 stand ihr Roman „Schutzzone“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Bildnachweis © Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

Frau Bossong,

im Dezember 2019 konnten Sie den Kranichsteiner Literaturpreis entgegennehmen. Dieser bedeutende Preis wird vom Deutschen Literaturfond Darmstadt seit 1983 herausgegeben. In ihrer Dankesrede zitieren Sie einen portugiesischen Aphorismus: „Menschrechte sind für rechte Menschen, oder auch: für rechtschaffene, für passende, für die richtigen Menschen.“ Was verbinden Sie mit diesem Satz?

 

Nora Bossong: Diese Redewendung, die auch in der derzeitigen Regierung Bolsonaro die Runde gemacht hat, bringt die Ambivalenz der Menschenrechte auf den Punkt. Die Menschenrechte müssen wir nicht nur schützen, sondern auch die Frage stellen, ob sie auch wirklich in der Praxis für alle Menschen gelten. Was sagen Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft aus, führt es dazu, dass Menschen als nicht „richtig“ oder „wertvoll“ genug erachtet werden, um ihnen Rechte zuzugestehen, um ihnen, um es noch klarer zu sagen: das Menschsein zuzugestehen? Warum erleben wir immer wieder dieselben Mechanismen von Ausgrenzung, Stigmatisierung und Diskreditierung? In der Praxis werden häufig nicht die Menschenrechte eingeschränkt, wohl aber der Kreis, für den sie gelten. Wir dürfen nicht aufhören hinzusehen und konkrete Missstände zu benennen.

 

In Ihrem Roman „Schutzzone“, erschienen 2019, schreiben Sie über die Arbeit Ihrer Heldin Mira, die bei den Vereinten Nationen arbeitet. Sie verfügt im Gegensatz zu ihren Kollegen nicht über eine professionelle Schutzhaut. Was bedeutet unsere Fähigkeit zur Verletzlichkeit?

 

Nora Bossong: Diese Fähigkeit geht vielem voraus. Was wir als stark wahrnehmen, ist manchmal ein Schutzmechanismus, eine Abwehr genau dieser Verletzlichkeit. Die eigene Verletzlichkeit ermöglicht überhaupt erst, auch wahrzunehmen, wie wir selbst verletzen können. Die Verletzlichkeit führt zu unserem eigenen Kern. Diese Erkenntnis wie auch das Empfinden dazu zuzulassen sind die Voraussetzungen dafür, zu überlegen wie wir all jenen begegnen können, die Schutz brauchen.

 

Literarisches Schreiben lebt neben einer guten Geschichte in erster Linie von den Figuren: ihrer Zerrissenheit, ihrer Anlage zur Normverletzung, innerer Gebrochenheit. Wie würden Sie Ihre Protagonistin Mira dazu charakterisieren?

 

Nora Bossong: Mira ist eine Figur, die früh schon erlebt hat, dass so etwas wie Schutzzonen zerbrechlich sind, dass Schutz nichts ist, worauf wir immer vertrauen können. Sie ist eine Person mit einer gewissen Haltlosigkeit. Dabei ringt sie selbst um einen Halt, an den sie glauben kann, auch wenn sie spürt, dass ihr dieser immer wieder abhandenkommt. Die Stärke von Mira liegt darin, aus schwierigen Situationen auf Menschen zuzugehen und nicht in Starre zu verharren. Dass genau deshalb Menschen auch auf sie zugehen und ihr mehr anvertrauen, als zu erwarten wäre.

 

Die in „Schutzzone“ beschriebenen Krisenländer Afrikas haben Sie besucht. Wie haben Sie – als zum Teil allein reisende Frau – die damit verbundenen Gefahren wahrgenommen?

 

Nora Bossong: Ich habe mich vorab informiert, wie problematisch eine Reise sein könnte. In den Ostkongo wäre ich alleine nicht gereist. In Ruanda ist man als Touristin ziemlich sicher. Der Staat greift sehr rigide durch, die Möglichkeit, dass einem da etwas passiert, was nicht gerade begrüßenswert ist, allerdings das Reisen recht sicher macht.  Burundi ist ein Land, das ich vor dem Putschversuch besucht habe, als es ruhiger war. Von der Überlegung nach dem Putschversuch nochmals hinzufahren, habe ich Abstand genommen, da ich das Risiko zumindest von hier aus nicht absehen konnte.

 

Mira Weidner, eine unzuverlässige Ich-Erzählerin? Der Leser hat oft den Eindruck einer Überforderung, die er als Widersprüchlichkeit im Verhalten oder Denken der Figuren empfindet, zu erliegen. Erzählen mit Leerstellen, Brüche in der Wirklichkeit der Institutionen, der Menschen und Figuren – das Leben mit Lügen! Die Lüge als Komfortzone?

 

Nora Bossong: Die Lüge ist keine Komfortzone. Aber ich glaube, die Lücke ist etwas ganz relevantes, das Mira in ihrer Erzählung immer wieder benutzt. Sie ist in gewisser Weise immer wieder eine unzuverlässige Erzählerin: sie lässt Dinge aus. Es gibt ein Bild im Roman, das zeigt, was diese Lücken mit unserer Imagination machen. Eine Kopie des Gemäldes „Guernica“, das bei den Vereinten Nationen in New York hängt. Bevor Colin Powell seine Rede zur Überzeugung des UN-Sicherheitsrates für den Einsatz im Irak-Krieg hielt, wurde es verhüllt. Möglicherweise wird etwas, das schon immer da war und nun abwesend scheint, umso deutlicher sichtbar. Genauso ist auch die Erzählweise von Mira Weidner: das, was sie ausspart, was die anderen aussparen, tritt so besonders deutlich hervor. Ein Beispiel: Die Reise ihres Gastvaters Darius im Frühjahr 1994, von der immer wieder gesagt wird, er sei in Genf gewesen, obwohl er nie dort gewesen sein kann. Die Leerstelle um diesen April wird umso sichtbarer. Das ist auch etwas, das wir in unserer eigenen Erinnerung beobachten können: Wir erzählen unsere eigene Geschichte so, wie wir sie gerade aushalten.

 

Der Titel „Schutzzone“ hat eine doppelte Funktion im Roman. Wie lässt sich diese Funktion am besten beschreiben?

 

Nora Bossong: Die Schutzzone ist im Roman ein gebrochener Begriff. Die erste Assoziation dazu ist möglicherweise die Schutzzone Srebrenica, die keine Schutzzone war. Wir sehen das gebrochene Versprechen der Politik der Friedenssicherung und die daraus erwachsene Katastrophe. Dann haben wir die private Schutzzone, die Familie, die ebenfalls brüchig ist. Hier wird ein Schutzraum behauptet, der nicht aufrechterhalten werden kann. Damit verbunden immer auch: dass wir Menschen, die Schutz benötigen, diesen nicht gewähren können.

 

Wir haben über Mira als unzuverlässige Erzählerin gesprochen. Würde zu ihr das Konzept einer Antiheldin passen? Einer Figur, die in ihrer ganzen Gebrochenheit, als Projektionsfläche gesellschaftlicher Ambivalenzen ihrem Lebenskampf, all der Anstrengung letztlich scheitern muss? Weil sie Ausdruck der Paradoxien unseres Lebens ist? Genauso wie die Institution UNO?

 

Nora Bossong: Das kann man wohl so ausdrücken. Für mich ist es eine sympathische Figur (einigen Kritikern ging es anders). In ihrem ganzen Scheitern, den Fehlern, die sie begeht, empfinde ich Mira als sehr menschlich, nahbar. Sie kämpft um Aufrichtigkeit gerade in Situationen, in denen sie nicht ankommt. Sie kommt nicht an gegen das ‚Immer wieder‘, gegen die Hemmnisse der großen Institutionen, die selbst durchaus das Richtige wollen und wünschen und dennoch ist es oft weniger als eine Sisyphusarbeit, denn der Stein kommt gar nicht erst in Bewegung. Die ganze Vergeblichkeit kristallisiert sich in ihrem Leben besonders stark heraus. Das große Scheitern der Vereinten Nation bricht sich in ihr nochmals herunter. Gleichwohl würde ich sagen: das ‚Nie wieder‘ muss uns dazu anspornen nicht nachzulassen und nach jedem Scheitern wieder neu zu beginnen. Dies Utopie muss uns als Richtschnur dienen. Gerade das Scheitern macht diese Unzulänglichkeiten sichtbar und mahnt uns im Kampf um Menschlichkeit und um Schutz nicht nachzulassen.

 

Sprache als eigener Akteur macht das Durchspielen der Widersprüche gerade auch der Figuren deutlich. Kann Sprache, erzählerische Darstellung, alle diese Facetten fassen, anschaulich machen, ohne zugleich am verhandelten Thema zu verzweifeln?

 

Nora Bossong:  Literatur kann Diversität, Paradoxien, oder Widersprüchlichkeiten von Abläufen nicht zuletzt auch in Satzstrukturen abbilden, Details, die sich sowohl im politischen als auch im privaten Leben zeigen, miteinander verknüpfen. Sie kann erzählen vom Kleinen ins Große oder umgekehrt, vom öffentlichen oder vom emotionalen Leben.

 

Das Buch behandelt eminent politische Themen: den Völkermord in Burundi und Ruanda, Gut&Böse&Dazwischen, das Versagen der UNO als Institution in der politischen Wirklichkeit vor Ort. Gibt es Anknüpfungspunkte, die Frieden und Gerechtigkeit zwischen den Völkern mit dem Instrument der UNO noch realistisch erscheinen lassen? Oder müssen die Vereinten Nationen einer Generalrevision unterzogen werden?

 

Nora Bossong: Das schließt sich nicht unbedingt aus. Ich glaube, dass die Vereinten Nationen sich kontinuierlich in einem Reformprozess befinden, kritisch reflektieren, gescheiterte Einsätze haben ja im Nachhinein Konsequenzen gehabt. Dennoch gibt es zwei markante Probleme bei den UN, die sehr statisch wirken. Das eine ist der Sicherheitsrat, in dem mächtige Länder mit einem Vetorecht sitzen, und sich, wollte man dies ändern, selbst ihre Macht wegnehmen müssten. Das bleibt es ein wesentlicher Konstruktionsfehler der Vereinten Nationen. Das zweite Problem: Die Vereinten Nationen sind immer nur so gut wie ihre Mitglieder. Stark nationalistisch oder autokratisch ausgerichtete Regierungen werden kaum danach trachten, im Sinne des Ganzen mehr Altruismus an den Tag zu legen. Das ist das Problem, das wir mit einer Weltgemeinschaft immer haben werden. Die Fragen inwieweit Zivilgesellschaft mehr eingebunden werden kann, inwieweit das Machtgefälle zwischen einflussreichen Ländern und weniger einflussreichen behoben werden kann, das sind Themen, über die weiter nachgedacht werden muss. Die Vereinten Nationen aufzugeben wäre sicher die falsche Antwort.

Frau Bossong, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

Ingo-Maria Langen, Januar 2020

 

Nora Bossong
Schutzzone

Roman, Suhrkamp Verlag, 1. Auflage Berlin 2019, 332 Seiten 24.- €

Eindrücke vom 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund

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Was für ein Vertrauen! – Das Losungswort des Kirchentags ist eines über den Tag hinaus: In einer Zeit, die geprägt ist von Misstrauen, von Angst, von Wut und Hass, bedeutet es einen mutigen Schritt, hervorzutreten und sein persönliches Vertrauen zu bekennen. In was denn? So ließe sich zynisch fragen! Wer sich da zu Gott bekennt, sich dazu bekennt, sich in seine Arme fallen zu lassen, huch, der wird schnell als frömmelnder Spinner bespöttelt. Schon Jesus musste diesen Spott und Hohn ertragen, bis hin zu seiner Kreuzigung. So sind wir Menschen nun mal. Angegriffen fühlen sich oft die Zweifler, die Unsicheren, die Hin- und Hergerissenen. Doch auch sie wissen: Das uns bedingungslos geschenkte Vertrauen durch Gott kann mich tief in meinem Inneren berühren. Ich muss es nur zulassen. Punkt. Tun wir aber oft nicht.

Was für ein Vertrauen – in einer gegenwärtigen Gesellschaft, die sich selbst ins Zerreißen stellt. Die Migranten angreift, Täter hinnimmt, die Politiker angreifen, hinrichten, ganz ohne öffentlichen Aufschrei des Entsetzens, den man zu Recht hätte erwarten können und müssen. Es sind die wenigen, die öffentlich Stellung beziehen, die sich nicht fürchten, die zu Recht anklagen und aufrufen!

Was für ein Vertrauen – als Christenmensch kann man nie unpolitisch sein. Das gilt es zu bekennen, nach drinnen wie draußen. Daraus erwächst die Frucht des Christentums: das Miteinander, das Helfen, das In-die-Mitte-Nehmen, gerade für die Schwächsten. Doch es bedeutet auch, denen keine Stimme zu geben, die sie nicht verdienen, weil sie die geschenkte Möglichkeit missbrauchen, Hetze verbreiten, zur Desintegration aufrufen, der Verrohung der Sprache das Wort reden und dazu aufstacheln, daraus Taten abzuleiten.

Wo kommen diese Entwicklungen her? Die Fachleute sind uneins. Klar scheinen aber grobe Muster: Angst vor Verdrängung, vor Überforderung, vor Kontrollverlust… die Globalisierung, die Nachrichtenflut, die Komplexität der Welt, ihre Bedrohungen – die Liste ist lang. Solche kritischen Momente hat auch der Veranstaltungsort erlebt und muss sie vielfältig weiter ertragen. Dortmund steht stellvertretend für den Prozess des wirtschaftlichen (teilweise auch politischen) Strukturwandels. Historisch: Kohle und Stahl – aktuell Digitalisierung, KI, Dienstleistung, Fraunhofer, Dienstleistung oder auch Phönix-See, der größer als die Hamburger Binnenalster ist. Ohne Vertrauen in die Zukunft, die eigenen Fähigkeiten und letztlich auf Gott, wäre das wohl nichts geworden.

Gelebte Veränderungen

Hans Leyendecker, Kirchentagspräsident, spricht in diesem Zusammenhang davon, dass dieser Kirchentag eine Mitte habe, von kurzen Wegen profitiere. „Er wird die Stadt verändern und die Stadt wird den Kirchentag verändern“, heißt es in seiner Erklärung zur Pressekonferenz am 19. Juni. Dieser Kirchentag sei „gesellschaftliches Forum und Glaubensfest“ in einem: „Glaubensfest und politischer Kirchentag – beide müssen gleichwertig sein.“ Auch für ihn sind die genannten Ängste in der Bevölkerung greifbar. Er fügt noch hinzu: „Alte Wahnideen und Verrücktheiten erleben eine Renaissance. Wer hätte vor ein paar Jahren noch gedacht, dass in Europa wieder der alte Nationalismus grassieren würde?“ Die Polarisierung alter Feindbilder neuen Zulauf bekäme? Oder Menschen Unterstützung bekommen, die „über eine Abschaffung der Demokratie nachdenken?“ Leider bleibt es nicht bei diesen Überlegungen. Hass, Bedrohung und Gewalt sind mitten in der Gesellschaft angekommen, werden über die sozialen Medien in Anonymität ungehindert verbreitet. Was treibt diese Leute? Ist es nur die schiere Möglichkeit, die Wut des eigenen Lebens an anderen auszulassen? Oder liegen die Ursachen tiefer? Wahrscheinlich ist, dass sie individuell strak divergieren, objektive Bedingungen mit gefühlten vermischt werden. Verstärkt werden diese Entwicklungen über eine Verrohung der Sprache, gerade auch im Öffentlichen Raum. Politiker bedienen sich einer Rhetorik, die enthemmt, oft grenzüberschreitend ist. Das muss nicht nur erschrecken, es darf sogar Angst machen. So spricht Leyendecker davon, dass aus seiner Sicht der Kirchentag immer auch eine konservative Veranstaltung ist: Ein Format, das Werte vertritt, Werte verteidigt. Die Menschenwürde, die Bewahrung der Schöpfung, die Suche nach Gerechtigkeit. Konservative Werte, gerade aber nicht rechtsextreme, nationalistische, rechtsradikale. So sei auch zu verstehen, dass die AfD keine Bühne für die Verbreitung ihrer Ansichten auf dem Kirchentag bekommen habe. Denn es sollen positive Zeichen von Menschen für Menschen gesetzt werden: vom Bundespräsidenten, drei Vorgängern, der Kanzlerin, Friedensnobelpreisträgern.

Die Zivilgesellschaft lebt davon, sich einzumischen

„Vertrauen ist die Grammatik des christlichen Lebens“, formuliert Julia Helmke, Generalsekretärin Deutscher Evangelischer Kirchentag. Und weiter: „Wer aus der Bibel dieses Vertrauen zieht, der kann nicht anders, als sich einzumischen in die zivilgesellschaftlichen und politischen Fragen unseres Lebens. Die Bereitschaft, zu vertrauen und die Bereitschaft zu konkretem Handeln gehören zusammen.“ Das bedeute auch, sich in Krisen auf die eigene Stärke zu besinnen, zuzuhören, Mut zu machen. Gerade wenn die Kirchen als Institutionen Teil dieser Krise sind. Ein solches, mutiges Zeichen ist die „Container.Kiez.Kirche“ in der Dortmunder Nordstadt. 29 Container werden zu einem temporären Dorf als Beispiel für Kirche im urbanen Raum. Helmke: „Das Projekt bietet von Jugendlichen konzipiert einen Raum für Stille, für Klage, für Inspiration, für Lebensfreude.“ In einer sich schnell wandelnden Welt soll Hilfe im Miteinander und Füreinander angeboten werden. Das gilt auch für den roten Faden des Kirchentags: Migration, Anerkennung und Integration als praktisch gelebte Werte des Christentums.

Präses Annette Kurschus nimmt den Faden auf. Die große westfälische Vielfalt präsentiere sich in Dortmund: „Ostwestfalen, evangelisches Kerngebiet, das katholische Münsterland, wo die Protestanten in der Minderheit sind, Sauerland und Siegerland, landschaftlich reizvolle Landstriche mit eigenwilligen Menschen.“ Beim Abend der Begegnung am Mittwoch präsentieren sich die 28 westfälischen Kirchenkreise mit Kultur, Mitmach-Angeboten, Gesprächen und Spezialitäten. Diese Vielfalt schließe auch Veränderung ein: Ein Zentrum für Wandel, das sich mit Transformationsprozessen beschäftige. Solchen Wandel kenne bereits die Bibel. Das Ruhrgebiet stehe exemplarisch dafür. Was Wandel könne, lasse sich hier wie in der Fläche besichtigen. Wandel setze Kraft frei, befähige Menschen Herausforderungen zu bestehen. Ähnliches gelte für das neue Zentrum Sport, erstmals auf einem Kirchentag. Da gelte es für die Besucher sich selbst auszuprobieren, aber auch der Frage nachzuspüren was dauernder Leistungsdruck mit Menschen mache oder wie ihn Erfolg, Ruhm und Geld verändern können.

Woher nehmen, von dem wir so viel brauchen, das so schwindet?

Zurück an den Beginn wendet sich ihre Frage nach dem Vertrauen. Wenn die Gewissheit, in mein Leben Vertrauen zu können, so sehr schwindet, dass ich mich ängstige vor den Herausforderungen, die mich erwarten, worauf soll meine Kraft gründen? Die Umbrüche erodieren das Selbstverständliche, im öffentlichen Raum gleichviel wie im Privaten. Woran kann ich mich halten, wie kann ich die Spannungen und Schmerzen, die damit verbunden sind, aushalten? Vielleicht indem wir uns zusammenfinden, mit alten und neuen Freunden, Bekannten, Helfern, so wie diese sich für die Unterstützung zum Aufbau und zur Durchführung des Kirchentages in Dortmund gefunden haben! Aber ich muss mich selbst eben auf den Weg machen, kann nicht darauf warten, dass andere mich abholen, muss aktiv werden. Ich darf sicher sein, es finden sich diejenigen, die mit Zeit, Ideen und Herzblut bei der Sache sind, für die Sache brennen! Auch das ist ganz im Sinne von Annette Kurschus gelebtes und erarbeitetes Vertrauen. Es lässt sich ergänzen: im Vertrauen auf Gott in meinem Rücken.

Diese Aussicht spiegelt sich gleichfalls in den Themen des Kirchentags: Migration, Klima, Frieden, Europa. Christen sind nicht herausgenommen aus der Welt, sozusagen auf einer Insel geparkt und damit für sich. Sie sind mitten im Weltgeschehen und das bedeutet, auch und gerade am politischen Geschehen teilzuhaben, es mitgestalten zu müssen. Das macht die Nachfolge Christi aus. Deshalb ist das Engagement für ein solidarisches Europa aus der Sicht von Annette Kurschus unverzichtbar, angesichts der Entwicklungen in unseren Nachbarländern, aber natürlich auch bei uns. Vertrauen muss auf einem Fundament gründen, das nicht nur uns trägt, sondern auch Menschen anderen Glaubens mit einbindet, das integrieren kann. Denn das Vertrauen unseres Christseins ist unabhängig von Entwicklungen um uns herum, ist ein Kraftpol, aus dem wir schöpfen, um die Welt mitzugestalten. Die Grundbotschaften des christlichen Glaubens sind der Anker für uns alle, der uns hilft Orientierung zu finden. Aber Glaube ist auch kein frommer Kitt gegen die Erosionen unserer Gesellschaft. Glaube stiftet keine Antworten. Dafür müssen mutige Fragen gestellt werden, Fragen, die durchaus auch schmerzhaft sein können, um gerechte Antworten zu finden. Insoweit bedeutet Christsein neben dem Licht der Welt eben auch das Salz der Welt und gegebenenfalls in der Wunde der Gesellschaft zu sein. Christsein ist kein Wohlfühlprogramm aus einem Katalog. Das heißt konkret: Parolen, die dem Gemeinwesen zuwider laufen, ihm Schaden zufügen müssen Christen aktiv entgegentreten. Es muss nicht zusammengebunden werden, was nicht zusammengehört. Missstände sollen klar benannt, Grenzen gezogen werden.

Aufschlussreich im Zusammenhang mit dem alltäglichen Überschreiten von Grenzen, dem selbstverständlichen Umgang von Diskriminierung in der Mitte der Gesellschaft (sic!), liest sich der Beitrag des Literaturwissenschaftlers und Soziologen Klaus Theweleit in der F.A.S. vom 23.06.2019, dem letzten Tag des Kirchentags: Theweleit schreibt unter der Überschrift „Mit an der Spitze wird das nichts“ über den neuen Antifeminismus, der mitten unter uns immer mehr Platz greift. Die eindimensionalen Bilder von Familie als Keimzelle des Staates aus den fünfziger Jahren (man goggle nur mal die einschlägige Werbung dazu – Beispiel Pudding von Oetker) fänden zunehmend Verbreitung und Zustimmung bei (na klar!) den Männern. Die alten Vorurteile damaliger Geschlechterverhältnisse werden reaktiviert (Heimchen am Herd), hierarchische Strukturen (der ‚Mann‘ ist das Oberhaupt und basta), die Frau wird zurechtgewiesen (kennt man doch, richtig!), die Ordnung wird wiederhergestellt (tun Faschisten gerne, weil sie Unordnung scheuen wie der Teufel das Weihwasser), denn Unordnung ist schwer kontrollierbar. Ebenso wie diese Leute Gleichheit der Menschen aus dem Konzept bringt (schließlich sind wir ja alle unterschiedlich!). Dass wir alle so unterschiedlich sind, bedeutet dann auch, einige sind überlegen, viele Kulturen unterlegen, weiß über schwarz, intelligent über dumm. Theweleit pointiert: „Wo sich solche ‚Haltungen‘ – und um körperliche Haltungen handelt es sich; um Ängste, nicht etwa um ein bestimmtes ‚Denken‘ von politisch extremen Rändern her – in die sogenannte Mitte der Gesellschaft bewegen, ist es beinahe zwangsläufig, dass der Journalismus dieser ‚Mitte‘ beziehungsweise deren Politiker mit antiweiblichen Formulierungen aufwarten (untergründig oder offen). Öffentlich agierende Frauen geraten in angreifbare Positionen. (…) Wenn mehr oder weniger ‚alle‘ so reden, ergibt sich eine Art selbst erteilter Erlaubnis dafür. Dafür braucht MANN keine Bibel oder anderes religiöses Regelbuch.“ Noch Fragen?

Ein abschließender Gedanke, der weder zum Kirchtag, noch zum letzten Absatz zu passen scheint. Doch eben dieser Schein trügt: Im Peloponnesischen Krieg schreibt Thukydides auch über die Stasis, den Bürgerkrieg in einzelnen Stadtstaaten (bes. Athen und Sparta), dass sich ein Klima des vollkommenen Misstrauens unter der Bevölkerung entwickelte, über Brandreden, Aufstachelung, Rufmord, übler Nachrede, Diskriminierung, mit der Folge, dass Nachbarn übereinander herfielen, brandschatzten, Massaker verübten. Lassen sich bei uns Graswurzeln für so etwas erkennen? – Grenzen setzen, Salz in die Wunde streuen, da kann man der Präses Kurschus nur zustimmen. Wir müssen erkennen und verteidigen, was wir in 70 Jahren geschaffen haben. In diesen Tagen ist Jürgen Habermas 90 Jahre geworden. Ich habe ihn selbst erlebt an der Uni Münster. Er hat die Entwicklung der jungen Bundesrepublik maßgeblich und kritisch begleitet. Seine Forschungen zum herrschaftsfreien Diskurs oder zum Strukturwandel der Öffentlichkeit waren Meilensteine in der öffentlichen Diskussion. Mögen wir den Mut im Glauben finden, diesen Faden weiter zu führen, neue Fäden daran zu knüpfen. Im Sinne des historischen Jesus im (schwesterlich/brüderlichen) Miteinander, das geistige Band im Band des Herzens fortzuführen, um einander die persönliche Sorge zu schenken, die wir ALLE brauchen, neu für jeden Tag.

Es grüße Sie herzlich, Ihr’
Ingo-Maria Langen

Juni 2019

Walter Kardinal Kasper: Vor 30 Jahren zum Bischof geweiht, seit mehr als 60 Jahren Priester, 20 Jahre im Vatikan

PRESSEINFORMATION 05. Juni 2019

Presse
Sabrina Reusch
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Am 17. Juni 1989 wurde Professor Walter Kasper im Dom zu Rottenburg zum Bischof geweiht. Der deutsche Theologe hatte vor allem mit „Jesus der Christus“ den Grundstein für ein überwältigendes internationales Ansehen gelegt. Er ist Hauptautor des ersten Bandes des Katholischen Erwachsenenkatechismus der deutschen Bischöfe und Hauptherausgeber der dritten Ausgabe der wohl bedeutendsten katholischen Enzyklopädie, des „Lexikons für Theologie und Kirche“. An die römische Kurie berufen und 2001 zum Kardinal erhoben, leitete er dort von 2001 bis 2010 den Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen und die Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum. Seit der Wahl Jorge Maria Bergoglios zum Papst unterstützt Walter Kasper das Pontifikat des argentinischen Papstes und hat mit seinen Werken zu „Barmherzigkeit“ (Freiburg 2012) und „Die Freude des Christen“ (Ostfildern 2018) die theologisch-pastoralen Themen von Franziskus begleitet. In seinem großen Interviewband „Das Feuer des Evangeliums. Mein Weg mit Papst Franziskus“ (Ostfildern 2016) macht der deutsche Kardinal in Rom deutlich, worum es auch ihm selbst in den dreißig Jahren seines Wirkens als Bischof der katholischen Kirche ging: „die seit Jahrhunderten angehäufte Asche beseitigen, um das Feuer des Evangeliums wieder auflodern zu lassen“.