Von der Last der Demokratie!

Von der Last der Demokratie!

In diesen Tagen ist die neue Studie des Deutschen Kinderhilfswerks “Kinderreport Deutschland 2017” erschienen. Sie gibt Anlass darüber nachzudenken, welche Grundlagen ein Gemeinwesen wie unseres braucht, um aktiv-gestalterisch und konstruktiv-strittig mit den bestimmenden Werten in der Gesellschaft umzugehen. Ich möchte hier allerdings keine Zahlenfriehöfe ausbreiten, die lassen sich in der Studie gut nachlesen. Mir geht es darum, zu betrachten, welchen Einsatz es benötigt, um in diesen politisch sehr umtriebigen Zeiten, das Schiff auf Kurs zu halten.

Können wir unseren Kindern und Enkeln jene Gestaltungskultur mit auf den Weg geben, die seit über 70 Jahren zu einem stabilen, robusten und pluralen Gemeinwesen geführt hat?

Die Studie stellt dazu fest, dass die jüngere Generation, also “Y” oder “Z” wenig Vertrauen in die Demokratiefähigkeit von Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen hat. Das verbindet sich oft mit einer generellen Skepsis gegenüber der Politik. Warum ist das so? Für mein Dafürhalten hat es mit zwei Faktoren zu tun: einerseits mit einer relativen Politikmüdigkeit in allen Generationen, abzulesen an der Beteiligung in politischen Parteien, dem ehrenamtlichen Engagement oder der Freude am Gestalten von politischen Prozessen (Wahlen). Andererseits auch mit der Erfahrung vieler junger Menschen – so die Studie – , dass ihre Interessen nicht wahrgenommen und beachtet werden. Darüber schwindet die Bereitschaft sich selbst aktiv einzubringen, die Demokratie als Chance zu begreifen.

Da müssen wir wohl zunächst bei uns selbst beginnen: wenn wir in unserem familiären Umfeld und darüber hinaus in einer Blase leben, können wir auch keine Erwartungen darüber hinaus erzeugen. Orientiert sich der Familienhorizont an der Freizeit als Konsumgut, am Urlaub als Prestige, an reiner Wohlfühl-Erholung, dann versperren wir auch den Kindern den Blick auf das was sie erst noch erlernen müssen: den Umgang politischer Mitbestimmung, die Entwicklung von Motivation und Kompetenz im Gestalten demokratischer Verantwortung. Politische Selbstbestimmung und das Einüben von Auseinandersetzungskultur. Bleibt das so, beginnt hier das demokratische Defizit zu wachsen.

Die Familienerziehung ist mithin das Fundament, auf dem wir alle stehen, auf dem wir wachsen und erwachsen werden können. Das hat etwas mit “Vorleben”, mit “Vorbild” zu tun. Alte Vokabeln, wie aus der Zeit gefallen. Doch woher sollen Wissen und Können für die nachfolgenden Generationen kommen, wenn wir ihnen das nicht nahebringen? Beim Sonntagskaffe, beim Frühstück oder auch in gemeinschaftlicher Runde, klassisch mit einem Gesellschaftspiel. Das Spiel als Rahmen (Motivation), das Gespräch dazu als Vermittlung von Wissen, Haltung, Identität.

Geeignet ist dazu besonders das generationenübergreifende Gespräch. Hier kommen Lebenserfahrungen aus den Jahren vor 1945 zum Tragen, die spiegeln können, was unsere heutigen demokratischen Werte für uns bedeuten. Um eine gängige Formulierung aufzugreifen: das wäre gesellschaftliche Inklusion. Nicht die ältere Generation von den jüngeren zu separieren, sondern im gemeinschaftlichen Austausch dunkle Erfahrungen am Hier und Heute abzugleichen. Das ist für Kinder und Jugndliche ein Erfahrungsgrund, aus dem Haltung entstehen kann.

Entwaffnend liest sich auch der Studienhinweis: bereits in der Kita sollen Mitbestimmungs-erfahrungen gemacht werden können! Dafür seinen Qualifizierungsmaßnahmen und Curricula für die Fachkräfteausbildung nötig, um demokratisches Bewusstsein der Kinder schon frühzeitig zu fördern. Das erinnert entfernt an eine Diskussion um die 2000er Jahre, als Überlegungen kursierten, ein Fachhochsulstudium für Erzieher/innen anzubieten. Mir hätte das gefallen. Eine breitere pädagogische Grundbildung ermöglicht auch andere Konzepte, ermöglicht andere Inhalte für die Erziehung – nicht die Verwahrung in der Kita. Dabei sollten auch Möglichkeiten geschaffen werden, die Kita als Bildungsort ebenso für die Familien im Rahmen von kleineren Veranstaltungen aufzubauen, um den Bildungsauftrag auf eine breitere Basis stellen zu können. Mitbestimmung, positive Erfahrungen im Umgang mit Gemeinschaftsaufgaben stärkt die Kinder in ihren sozialen Kompetenzen und ihren Ansprüchen auf gestaltendes Miteinander.

Gerade für Kinder aus sozial schwächeren Familien erwächst damit die Möglichkeit ein eigenes, möglichst stabiles Persönlichkeitsbild zu entwickeln, das auch den Stürmen des Lebens widerstehen kann. Deshalb wäre es ebenso von Vorteil, wenn andere gesellschaftliche Aktuere wie Vereine daran teilhaben. Warum sollte nicht auch der Fußballverein demokratische Werte und Verhaltensweisen thematisieren? Hier gedeiht der Humus für die Verankerung demokratischer Wert um so schneller, als er leicht mit Spiel, Spaß und Anerkennung verknüpfbar ist. Gerade der Fußball ist ein (leider oft negativer) paradigmatischer Fall, wenn wir uns die sogenannten “Fankulturen” anschauen. Werden hier Fairness, Wettstreit, das Ringen um Erfolge als Wertekultur erfahr- und erlernbar, ist das ein weiterer Baustein für einen jungen Erwachsenen, sich zu engagieren und Konflikte angemessen sowie zielorientiert im Sinne der Gemeinschaft auszutragen.

Insoweit ist es erfreulich, wenn sich junge Menschen gegen vereinfachende politische “Wahrheiten” stellen, und politischen Gruppierungen die Deutungshoheit etwa über christliche Grundwerte bestreiten. So gesehen in Münster zu Beginn des Jahres, als ca. 8000 oft junge Menschen ihren Anspruch auf Demokratie, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit zum Ausdruck brachten. Anlaß war der Neujahrsempfang der AfD im ehrwürdigen Rathaussal zu Münster.

Das hat etwas mit politischem Klima zu tun: wie wir reden, was wir denken, wozu wir uns hinreißen lassen – oder eben auch nicht. Genau das geben wir den Kindern in ihrem täglichen Erleben mit. Aber auch unseren Nachbarn, Freunden, Kollegen. Selbstverständlich, oft ist es schwer andere, vielleicht extreme Ansichten auszuhalten, zu argumentieren, Position zu beziehen. Aber davon haben wir in den letzten 70 Jahren profitiert. Und natürlich ist die Welt viel komplexer und komplizierter geworden. Einfache Wege gibt es nicht. Deshalb müssen wir suchen, im Diskurs um Antworten ringen, um den Frieden unter uns zu bewahren und für die jungen Menschen die Hoffnung.

Dazu sind wir alle aufgerufen, jeden Tag, überall. – Vor geraumer Zeit bekam ich in einer Veranstaltung den Hinweis: ja, wir versuchen geflüchtete junge Menschen im Betrieb zu integrieren. Aber wir müssen aufpassen auf die AfD-Wähler. Hm – wie wäre es vielleicht damit, diese Wähler für unser Gemeinwesen zurückzugewinnen. Ihnen wieder eine “Heimat” zu bieten? Da gibt es viel an Verantwortung und Haltung zu zeigen, jeden Tag.

Einen Freund zu verlieren ist leicht, einen zu gewinnen, eine Freundschaft aufzubauen und zu pflegen, dagagen sehr anstrengend.