Varia

Sonntag!

Denken auch Sie oft darüber nach: ich wollte doch schon längst wieder in der Messe gewesen sein? Aber der Anlauf fällt so schwer, die Überwindung den Gottesdienst am frühen Morgen zu besuchen, selbst die Abendmesse verpassen wir zumeist. Der Sonntag gibt so viel her an Verrichtungen, an Aufgaben und ‚Arbeit‘, dass wir zu unserem großen Erstaunen, ja gelegentlichen Entsetzen am darauffolgenden Montag feststellen: das Wochenende war wieder zu kurz. Wir denken an alles, was nicht erledigt wurde, zu kurz kam. Sicher auch die Ruhe und Erholung, um wieder Kraft zu tanken. Woran wir nicht denken ist: die geistige Erfrischung, die Erneuerung der geistigen Gaben ohne die wir doch ebenso ermatten wie über die täglichen Anforderungen unseres Lebens.

Wir fühlen unseren Glauben als Christenmenschen, feiern ihn aber selten oder gar nicht. Christlicher Glaube findet bei den meisten im Privaten statt, im engsten Kreis sozusagen, geschützt vor kritischen Blicken von außen. Vielleicht haben wir uns kleine Rituale geschaffen, die uns das Gefühl von Verbundenheit mit dem Glauben, der Glaubensgemeinschaft, der Gemeinde geben sollen. Aber ein Bekenntnis dazu legen wir nur noch selten ab.

Des Öfteren passierte es mir in der letzten Zeit, dass ich in einem Tagesgespräch Glaubensinhalte zitierte, um einen Orientierungspunkt zu setzen, dem Gespräch einen Vergleichspunkt anzubieten. Die Reaktion darauf war zurückhaltend bis irritiert. Das hat mich geärgert. Wir leben in einem Land, das seine verfassungspolitische Konzeption christlichen Ursprüngen verdankt, das nach der traumatischen Erfahrung zweier Weltkriege und dem Terror der nationalsozialistischen Herrschaft eine Gesellschaftsentwicklung hin zu einem pluralen, vielfältigen Gemeinwesen nehmen konnte – in der Mitte unserer europäischen Nachbarn. Über siebzig Jahre Frieden! Wenn das nicht die so oft beschworene Dividende dieser Entwicklung ist – was dann? Ich freue mich sehr über die tiefe Freundschaft zu Frankreich, Benelux, Italien, Spanien… Und mich erfüllt Dankbarkeit dafür, dass mir ein so friedvolles Leben ermöglicht wurde.

Dankbarkeit ist eine Erfahrung, die wir unterschätzen. Wir können sie in einer besonders intensiven Form in der Feier der Eucharistie erleben. Das Leben Jesu Christi erneuert in Kelch und Oblate, gespendet an uns, am Beginn einer jeden neuen Woche: dem Sonntag. Ein Hoffnungssymbol für das Leben, dessen wir uns versichern können, das uns geschenkt wird. Unverdient. Der Tag der Auferstehung Christi als erster und zugleich achter Tag der Woche, der den jüdischen Sabbat ebenso einschließt wie die Einheit der Schöpfung und den Bund mit Gott, dem Vater und dem Heiligen Geist. Kein Tag, der wie jeder andere ist, der sich beliebig tauschen ließe. Es ist der Herrentag, der Tag unseres Schöpfers. So ist dieser Tag Ausgangs- wie Endpunkt unserer Lebens- und Schaffenswoche, wir müssen vom Sonntag her leben (lernen). Er stiftet uns einen Lebensrhythmus aus seiner Spiritualität, ist Ankerpunkt im Gewebe der Zeit. Von ihm aus können wir über die Feierlichkeit der Messe den ursprünglichen Lebensfunken in uns spüren. Diese Berührung mit dem Ursprung durch Christus in uns weitet unseren Geist und unser Herz, lässt uns zu uns selbst finden. Ich könnte auch sagen: er entzündet die innere Kerze in uns und bringt uns selbst zum Leuchten. Das einzige, das wir dafür tun müssen, ist unser Herz für die Botschaft des Glaubens zu öffnen.

Über Papst Franziskus können wir lesen, wie schwer ein Wandel in unserer Persönlichkeit herbeizuführen ist. Seine argentinischen Jahre waren geprägt von vielen Rückschlägen, Demütigungen, Ausgrenzungen bis er schließlich von seinem Orden kaltgestellt wurde. Dann wurde Johannes Paul II auf ihn aufmerksam, förderte ihn ganz gezielt, machte ihn zum Erzbischof von Buenos Aires, zum Kardinal. Seine Wahl zum Papst war nicht vorgezeichnet, der Weg dornenreich und hässlich. Doch nun haben wir ihn als Oberhaupt der katholischen Kirche und ich freue mich sehr darüber, gerade weil dieser Papst so „anders“ ist, nahe bei den Menschen, nicht in fernen Türmen der Kirchenlehre. Doch Franziskus hatte es sehr schwer. In Argentinien sah man kaum je ein Lachen, ein fröhliches Gesicht von ihm. Immerzu erschien er mürrisch bis abweisend. Dennoch war er nah bei den Menschen, organisierte Basisarbeit in Elendsvierteln. Nun musste er sich ändern: zu einem aufgeschlossenen, die Menschen überall auf der Welt gewinnenden Papst werden. Was für ein Kampf! Er hat es geschafft – und das mit einer entwaffnenden Einfachheit, in dem er sich anfassen, herzen lässt, bei Fremden an die klopft und sich nach ihrem Wohlergehen erkundigt, ein Glas Wasser erbittet. Das vatikanische Protokoll liegt ebenso in Dauermigräne wie sie die Sicherheitsleute befällt.

Wir können das Helle des Lebens, das Licht nur in uns selbst finden, weder in Schriften noch in Ritualen und schon gar nicht im Aufsagen von Gebeten. Aber eine Orientierung kann uns der Sonntag sein, die Auferstehung Christus von den Toten. Mit diesem Ereignis überwand er die alte Zeit. Denn es entsteht die gelebte Verheißung auf die Heilserwartung, die wir als Paradies kennen. Das bedeutet für uns: das Gefängnis der alten Zeit kann uns nicht auf Dauer knechten, denn Jesus Christus ist nicht in die Ewigkeit entschwunden, sondern in unserer Mitte geblieben – fortwährend. Er findet sich in unseren Herzen, unserem Glauben, unserer Liebe gegenüber dem Nächsten. Besonders den Schwächsten, den Armen, den Ausgegrenzten, den Benachteiligten muss sie gelten.

Im Sonntag feiern wir das Bekenntnis, dass uns ein lebendiger Gott begleitet, uns ein Leben über den Tod hinaus schenkt. Dieser Tag bezieht seine Sinnfälligkeit gerade vom Schöpfungsakt her: am achten Tag (nach jüdischer Zählung) sprach Gott „Es werde Licht“ (Gen. 1,3). Am Ende der Genesis lesen wir dann: „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war gut“ (Gen. 1, 31). In der Auferstehung erfüllt sich dann die Morgengabe des Lebens mit der Überwindung des irdischen Todes.

Der Sonntag ist zugleich auch der Tag der Dankbarkeit für die Schöpfung. „Macht euch die Erde untertan“ (Gen. 1, 28) sollte zur Ehrfurcht gemahnen: nutzt die geschenkte Gabe, plündert sie nicht aus, braucht sie nicht auf. Es soll das Hegen und Pflegen unser Augenmerkt sein, das Nehmen des Notwendigen, dessen was uns ausreicht. In diesem Sinne wären wir die guten Verwalter. Daran knüpft der Sonntag mit seiner Botschaft an: Leben aus einer christlichen Gesinnung heraus.

Der achte Schöpfungstag schließt die Schöpfungszeit ab und weist zugleich über sie hinaus. Die Zahl acht steht für uns in Bezug auf die kommende Welt, auf die Wiederkunft des Herrn. Damit fallen unser Dank, unsere Hoffnung und der Aufbruch in die Zukunft für uns im Sonntag in eins. Und obwohl unsere Angst unsere Türen verschlossen hält, tritt Christus durch sie hindurch am Ostermorgen (Joh. 20, 19) und kehrt unerkannt bei uns ein, bricht das Brot und wir erkennen ihn – so spät.

Aus 1 Kor. 16, 1 wissen wir, dass der Sonntag, der Tag der Kollekte für die Kirche in Jerusalem war. In der Apostellehre lesen wir: „Am Tage des Herrn versammelt euch, brecht das Brot und saget Dank, nachdem ihr zuvor eure Sünden bekannt habt, damit euer Opfer rein sei.“ (Apostellehre 14, 1)

Den Bogen zum Beginn zurückgeschlagen: der Sonntag ist kein willkürlicher Wochentag, der im Belieben eines jeden Christen steht. Er ist Ausdruck des Wirkens und Schenkens Gottes an uns. Ein Tag der gemeinsamen Versammlung im Gottesdienst in der Kirche. Beengt vielleicht, belästigt vielleicht, bedrängt vielleicht. Und genau das bedeutet dann das Hineintreten in die Gottesantwort, die er uns bereits im Voraus gegeben hat: im Befolgen der Eucharistie geben auch wir Gott unsere bejahende Antwort auf seine Bitte hin. Nicht die private Kapelle in unseren Herzen, nicht irgendein frommes Gefühl, sondern unsere Hingabe in der Zusammenkunft der Gemeinde, von der aus das Haus der Kirche gebaut ist und wird.

Deshalb bedeutet der Gottesdienst auch kein passives Erwarten, keine Konsumentenhaltung. Wir sind vielmehr gefordert in ein aktives Spiegelverhältnis zu treten. Gott blickt uns an, berührt uns. Und diese Berührung geben wir zurück im Miteinander – auch in der Mühsal des gemeinsamen Betens, des Bekennens unseres Glaubens. Die darin erfahrbare Tiefe lässt uns wachsen, einzeln und im Gegenüber.

Das gibt es für uns allerdings nur in dem mühseligen Tun, uns aufzuraffen, miteinander die Bank zu teilen, gemeinsam die Eucharistie zu empfangen.

Noch ein Wort von Papst Benedikt XVI dazu:

“In diesem Zusammenhang möchte ich auf ein pastorales Problem aufmerksam machen, auf das man heutzutage oft stößt. Ich meine die Tatsache, dass bei einigen Gelegenheiten wie zum Beispiel bei Messfeiern aus Anlass von Trauungen, Beerdigungen oder ähnlichen Ereignissen außer den praktizierenden Gläubigen auch andere bei der Feier zugegen sind, die eventuell jahrelang nicht die Kommunion empfangen haben oder die sich vielleicht in Lebensverhältnissen befinden, die den Zugang zu den Sakramenten nicht gestatten. Andere Male geschieht es, dass Angehörige anderer christlicher Konfessionen oder sogar anderer Religionen zugegen sind. Ähnliche Umstände sind auch in Kirchen gegeben, die besonders in den großen Kunstmetropolen Ziel von Besucherströmen sind. Es versteht sich, dass dann Möglichkeiten gefunden werden müssen, kurz und wirkungsvoll allen den Sinn der sakramentalen Kommunion und die Bedingungen für ihren Empfang ins Gedächtnis zu rufen.”

Quelle: LÓsservatore Romano, Dokumentation, Nachsynodales Apostolisches Schreiben von Papst Benedikt XVI. an die Bischöfe, den Klerus, die Personen gottgeweihten Lebens und an die christgläubigen Laien über die „Eucharistie: Quelle und Höhepunkt von Leben und Sendung der Kirche“, 23 März 2007/Nummer 12, VIII

Copyright IML Jan. 2017

Licht!

In diesen Tagen feiert unsere Gemeinde einen Tag der Stille und des Lichts. Ich habe daran zum ersten Mal teilgenommen und ich muss sagen, es hat mir sehr gut gefallen. Die Kirchengemeinde St. Lambertus hatte sich viel Mühe gegeben, die den Besucher mit einer stimmungsvollen Andacht belohnte.

Worum ging es? Die Botschaft war einfach: kommt zu uns, empfangt eine Kerze, einen Stift und ein kleines Blatt. Setzt euch und betet im Stillen oder lauscht den kleinen vorgetragenen Texten, der Musik, der Atmosphäre. Die spätgotische Hallenkirche, die bis auf das Jahr 1022 zurückgeht, war ausschließlich mit Kerzen beleuchtet. Das warme und zugleich unscharfe Kerzenlicht entfaltete eine gedämpfte Stimmung, die die Kargheit der Fastenzeit in einen Mantel hüllte.

Doch welcher Gegensatz: in meinem Inneren bemühten sich die Gedanken um Gehör, kämpften um Vorherrschaft, Anerkennung, tobten in Wällen gegen meine Hoffnung auf Stille im Geist, auf Ausgeglichenheit und Ruhe, die Bereitschaft für das Empfangende. Mein Dasein drohte in purer Anwesenheit, einer Hülle zu erstarren. Fehlte noch, dass ich auf die Uhr geschaut hätte! Himmel. Doch dann trug eine Stimme das Hohelied der Liebe vor, das mich ruhiger, inniger, achtsamer für das Wesentliche machte. – Es ist die Anleitung zu einer geistigen Haltung, die auf das du gerichtet ist, weg von mir, weg vom ich, ohne aber seiner selbst zu leugnen. So ließ sich der Zettel mit einem tiefen Wunsch in der Hoffnung auf Erfüllung beschreiben, vorgetragen in einem der nächsten Gottesdienste.

1. Korinther, 13:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.

Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindliche Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Copyright IML März 2017