Jesuiten

Das Leiden an der Welt und die Gaben des Himmels – eine Jesuitenparodie

Der Orden des Ignatius von Loyola – die Gesellschaft Jesu – hatte frühzeitig erkannt, dass die Theatralik eine kongeniale Ergänzung der Spiritualität besaß. In den Exerzitien des Ordensgründers ging es nicht selten um das Drama des menschlichen Ringens mit dem Bösen, dem Leid in dieser Welt. Doch dieses Drama blieb beschränkt auf die geistige Vorstellungskraft und das emotionale Einfühlungsvermögen des Exerzitanten. Der Übende war sich selbst überlassen, seiner reichen oder armen Gefühlswelt überantwortet. Er sollte sich in meditativer Arbeit plastisch die Szenen aus den Übungen des Ignatius ausmalen und davon ergriffen werden. Was für eine Tortur! Ein qualvolles mit sich alleine sein, immer den Schrecken im Nacken, sich das Falsche vorzustellen, die angestrebte Läuterung an ihm vorübergehen zu sehen.

Das erkannten die Jesuiten schnell. Die Katechese – also die praktische Unterweisung in die Glaubenslehre der Kirche – ein trockener Stoff, dem nicht jeder gewachsen war. Wie würde sich da die pädagogische Unterweisung mittels der Aufführung, des Theaters machen! Das Jesuitentheater war geboren. Es entstand bereits kurz nach der Ordensgründung (1534). Die „preti delle comedie“, die „Theaterpatres“ boten szenische Aufführungen in ihren Kollegs an, weil sie deren besondere Überzeugungskraft auf das Publikum schätzten. Zielte ihre inhaltliche Ausrichtung auch auf die moralische und religiöse Erziehung, so bediente ihre gewählte Form doch einen Nerv: ähnlich wie im antiken Theater Griechenlands oder Roms sollten durch die Erzeugung von Affekten die Inhalte transportiert werden. Die Überlegung war also keineswegs neu. Neu hingegen war, dass die Aufführungen mit der Tradition der christlichen Verkündigung brachen und dafür weltliche Unterhaltungskonzepte bemühten.

In dieser Weise sollten die Zweifler zurückgewonnen werden, die über die Reformation der katholischen Kirche abspenstig geworden und zu den Protestanten übergelaufen waren. Gegenreformatorisches Theater! Aber die Sache hatte einen entscheidenden Haken: die Aufführungen wurden in lateinischer Sprache vorgetragen. Wollte man die Massen gewinnen, hätte es gerade in Deutschland auch der deutschen Sprache bedurft. Mit Luther war ja genau das ins Werk gesetzt worden: eine Bibelübersetzung in deutscher Sprache, damit auch diejenigen, die keinen Zugang zu klösterlicher Bildung hatten, das Wort Gottes hören und in manchen Fällen sogar lesen konnten. Doch das wäre wohl zu „häretisch“ gewesen. So reichte man Programmhefte, die auf Deutsch den Inhalt der Stücke erklärten.

Das Publikum sollte emotional gefesselt werden, um die seelsorgerischen Lehren der Jesuiten zu verbreiten. Es ging darum die Frömmigkeit und die Gewissheit des Glaubens zu stärken. Diesen Anspruch verpackten die Stückeschreiber in die Herausforderungen eines gottgefälligen Lebens. Die Stücke lebten von positiven Identifikationsmomenten oder negativen Abgrenzungen. Dabei scheute man polemische Verurteilungen durchaus nicht.

Die jesuitischen Autoren arbeiteten mit Musik, Ballett, vielen Schauspielern und Statisten. Sie waren in ihrer Umsetzung heutigen „Blockbustern“ nicht ganz unähnlich: neben barocken Bühnenbildern wurde viel Bühnentechnik geboten: Blitz und Donner, vom Himmel herab schwebende Engel ebenso wie feuerspeiende Drachen oder Explosionen. Teilweise konnte auch das Publikum mitspielen, um den Effekt für alle Zuschauer noch zu intensivieren. Die jesuitische St. Michaelskirche in München zählte in Deutschland zu den bekanntesten Veranstaltungsräumen.

Die Sujets stammten vielfach aus der Bibel. Sie wurden dramaturgisch entwickelt oder umgearbeitet und erweitert, um Menschen in besonderen Lebens- und Konfliktsituationen zu zeigen. Für das Ziel eines gottgefälligen Lebens mussten die Schauspieler auf der Bühne ziemlich leiden, oft stundenlang ringen, wurde doch ihre Seele – wie die der Zuschauer – Ankerpunkt des Konflikts zwischen Gut und Böse, Gott und Teufel. Besonders effektiv waren die „Jedermann“-Stücke: du und ich im Kampf mit dem Teufel, der ihn am Ende holt oder über die Erlösung verliert. Aber auch die Erweckung des Lazarus (Joh. 11, 1-44) oder die Heilung des Blinden (Joh. 9, 1-7) wurden zu beliebten und ausgeschmückten Themen.

Doch auch an den Jesuiten selbst ging der Humor oder Spott nicht vorbei. Hier eine kleine Kostprobe in Anlehnung an einen englischen Text aus dem 17. Jahrhundert:

An einem Spätsommertag humpelt eine kleine Gruppe Jesuiten zur Himmelpforte. Sie müssen einander stützen, der eine lahmt, ein anderer zieht ein Bein nach, ein dritter benötigt einen Stock, er ist fast blind. Es gelingt ihnen den Wächter am Himmeltor zu überzeugen, Petrus herbeizurufen. In der Erwartung alsbald ins Himmelsreich einzutreten, straffen sie ihre müden Körper und versuchen einen vollkommenen priesterlichen Eindruck zu machen. Misstrauisch beäugt sie Petrus, den Wächter zur Seite, um sie abzuweisen. Doch sie lassen sich nicht einschüchtern. Aus ihrem jesuitischen Selbstverständnis heraus überreichen sie Petrus ein Empfehlungsschreiben des Stellvertreters Christi auf Erden, der durch den Heiligen Geist erwählte Nachfolger des Petrus. Überrascht und irritiert nimmt Petrus das Schreiben zur Kenntnis, aber seine protestantische Gesinnung gemahnt ihn zur Vorsicht. „Was sagt ihr da über einen Nachfolger Christi auf Erden? Ich wüsste nicht, einen solchen hinterlassen zu haben. Also schleichts euch!“ Für einen Moment denkt er an die wundervollen Tage in Galiläa, den See Genezareth – was für Zeiten. Er muss aufpassen, nicht ins Schwelgen zu verfallen. Beiläufig fragt er: „War er Fischer?“ Wieder schweift er ab, das Bild der wundersamen Brotvermehrung und des Fisches im Überfluss vor Augen. Welches Glück des Herrn! Gerettet die Leiber der armen Seelen vor dem Hunger. Aber er ärgerte sich immer wieder an der Kleingeistigkeit jenes Philippus, der von den 200 Silbergroschen schwafelte, die nicht reichen würden, alle Menschen zu sättigen. Doch aus 12 Körben wurden alle satt.

Sein Misstrauen hat ihn wieder. Petrus fragt die Jesuiten nach den Gründen für ihren Tod. „Nein, Herr, wir stehen doch lebendig vor euch. Seht ihr das denn nicht? Aber unser Werk auf Erden ist getan und wir begehren Einlass in das Paradies.“ „Euer Werk ist getan, so so. Woraus bestand es denn am Ende eures Lebens?“ Nun drängelt sich der Blinde unwirsch nach vorn und stochert vor dem Wächter mit seinem Stock herum. Der fasst sich schon an sein himmlisches Schwert, aber Petrus bedeutet ihm, innezuhalten. „Wir mussten, nun ja, wir hatten den Auftrag, ähm, wir sollten den König von England töten“, sagt der Jesuit, durchaus mit gewissem Selbstvertrauen in der Stimme. „Ihr seid also die papistischen Verschwörer, über die man sich überall erzählt“, entgegnet Petrus ungerührt. „Aber das ist nicht wahr, Herr“, empört sich der Blinde. „Der König von England ist ein Häretiker. Das bezeugt bereits die päpstliche Bulle, die uns rechtfertigt. Wir haben sozusagen im Auftrag seiner Heiligkeit gehandelt.“ Dabei klingt unüberhörbarer Stolz aus seinen Worten. Schließlich sind die Jesuiten der einzige Orden, der sich mit besonderem Gehorsam an den Papst bindet. Ha, das kann keiner übertreffen. Und sie sind die Soldaten Gottes – Omnia ad majorem Dei gloriam! Alles zur höheren Ehre Gottes! – Doch Petrus überzeugt das nicht. Vielmehr zeigt er sich irritiert über die Bullen. Verärgert fährt er dem Blinden über den Mund: „Hört auf hier von Bullen und Bären zu plärren. Der Himmel ist kein Zirkus.“

Mittlerweile dämmert den dreien, dass ihre verdiente Aussicht auf Glückseligkeit im Paradies hinter einer verschlossenen Himmelstür auf nimmer Wiedersehen verschwinden könnte, so spielen sie ihren größten Trumpf aus. Der Wächter hat sich gerade zwischen die Gruppe und Petrus geschoben, der sich anschickt, sich von ihnen abzuwenden. „Herr“ ruft der Lahme nun und rückt dem Wächter auf die Pelle, „unsere Referenzen im Himmel, es sind doch so viele schon bei euch. Ruft sie nur heraus. Ignatius von Loyola, Franz Xaver“, ein ganzes Arsenal bietet der Jesuit nun auf. Petrus bleibt unbeeindruckt. Ihn ärgert der Stolz und die Innbrunst in der Stimme des Priesters. Aber Petrus erinnert sich, dass die Liste an Verdammten und Erretteten ziemlich lang ist und so schickt er nach dem Engel Gabriel, dass er über das Register schaue: „Herr, es tut mir leid, aber Jesuiten kann ich keine finden.“

„Ihr wollt mich hier wohl noch belügen“, zürnt Petrus den Jesuiten. Doch der nächste Gedanke beschwichtigt ihn schon wieder, weiß er doch eine hübsche Beleidigung für diese katholischen Lümmel: „Ihr seid doch nichts als heisere Bänkelsänger, die der Heiligen Jungfrau Maria Andacht halten, aber besser daran tun, ihren heißen Morgenbrei zu kühlen. Und jetzt haut ab. Oder ich muss Martin Luther holen, damit ihr erfahrt was die reine Lehre euch nicht lehrt?“ Doch die Jesuiten wollen sich nicht so leicht geschlagen geben und erheben Einwände. „Tu es Petrus et super hanc petram aedificabo ecclesaim meam et tibi dabo claves regni caelorum!”, entgegnen sie gemeinsam im Chor. „Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen und dir gebe ich die Schlüssel zum Himmelreich. So steht es auf der Michelangelo-Kuppel in St. Peter“, ergänzt der Lahme. Petrus staunt nicht schlecht, hat er das doch noch nie in diesem Zusammenhang gehört. „Ihr meint wohl Mt. 16, Vers 18.“, belehrt sie Petrus. „Auch das, Herr. Es ist nur so, dass wir gekommen sind, um unserer Erlösung willen, für die ihr die Schlüssel habt.“ „Die Kirche kann euch nicht erlösen“, bescheidet er sie barsch. „Das kann nur unser Herr, Jesus Christus, wie ihr in Vers 16 lest.“ In einem letzten Aufbäumen flehen sie: nulla salus extra ecclesiam! Keine Erlösung außerhalb der Kirche. „Ihr habt wohl eins vergessen: welche Kirche soll Euch denn vergeben? Da müssten wir wohl doch den Martin Luther fragen.“ Darauf wissen sie dann keine Antwort mehr und humpeln wieder davon. Petrus lacht dem Wächter schallend zu: „Sie hätten sich nur entscheiden müssen, schließlich haben wir ja auch jede Menge Päpste hier.“

Zur Lektüre: Jonathan Wright, Die Jesuiten – Mythos Macht Mission, dt. 2005, Magnus Verlag. Ernst Maroboe: Das Österreichbuch, Druck- und Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei, Wien 1957