Christologie

Wer sagen die Leute, dass ich sei? (Mk 8, 27) – Gedanken zum Leiden der Person Jesus Christus

Im Januar, zu Beginn des Kalenderjahres, liegt die Passionszeit noch in gewisser Ferne. Gleichwohl lässt sich ein Blick voraus wagen, auf die vielleicht intensivste Zeit für einen Christenmenschen, die des Leidens Jesu Christi bis zu seinem Tod. Das Nachdenken darüber führt zu ein paar grundsätzlichen Überlegungen, die uns nicht nur zu jener Zeit belgeiten, sondern über eigenes Leid und das Leid in der Welt jeden Tag an die paulinische Überzeugung einer eschatologischen Existenz des Menschen erinnern. Unser gegenwärtiges Leiden in der Welt wird für Paulus aufgehoben in der zukünftigen Heilserwartung. Sie ist begründet in der Erlösung des Christen durch den Tod Jesu – bleibt auch jeder Einzelne noch dem irdischen Tod überantwortet, so ist die Heilserwartung der Glaubenden gleichwohl mit der Gabe des Heiligen Geistes im Pfingstfest auf eine neue Welt gerichtet, für die wir schon in der alten erlöst wurden. Der Tod Christi als notwendige Bedingung für unsere Rettung, die allein durch das Gesetz nicht möglich wäre (Gal. 2, 16). Hier knüpft der Streit um die Rechtfertigungslehre an, der an dieser Stelle allerdings nicht behandelt werden kann.

Für unsere Erlösung geht Jesus Christus durch eine tiefe Leidenszeit. Das Nachdenken darüber provoziert (scheinbar) logische Widersprüche. Legen wir eine Grundannahme: Gott als übernatürliche, allmächtige Existenz. Wir können ihm kaum personale noch sonstige subjektive Zuschreibungen machen. Einen Beweis über seine Existenz zu wagen, wäre ein getrenntes Thema. Dennoch: es gibt Berührungspunkte. Diese wollen wir etwas näher ansehen.

Kann Gott das Subjekt (menschlichen) Leidens sein? Würde damit nicht seine Gottesmacht hinfällig? Genauso hat man das in den ersten Jahrhunderten aufgefasst: um den Logos (hier im Sinne von Gott oder göttlich) zu retten, setzte man die Leidensunfähigkeit Gottes als unbedingt voraus. Diese Voraussetzung war damit selbst nicht mehr hinterfragbar. Dennoch blieb die Diskussion dazu uneinheitlich. Mal wurden Einschränkungen beim Logos zugelassen, mal bei der Leidensfähigkeit welche vorgenommen. Die Konsequenzen waren so extrem wie unbefriedigend: mal wurde Christus vom Menschensohn messerscharf geschieden, so dass nur das Menschsein übrig blieb, ohne jedweden Bezug zum Göttlichen. Eine andere Strömung versuchte das Leiden von Leib und Seele in der Gottessohnschaft weit zu reduzieren, um den Logos in seiner Mächtigkeit erhalten zu können.

In jedem Fall entstand ein Spannungsverhältnis zur Heiligen Schrift: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz getan, auf dass er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.“ (Gal. 4, 4f.) Oder: „… von seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und nach dem Geist, der da heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten.“ (Röm. 1, 3f.) Im Brief des Paulus an die Philipper spricht er gar davon, dass Christus bewusst Knechtsgestalt annahm, ganz menschliches Wesen wurde, sich selbst erniedrigte bis zum Tod am Kreuz. (Phil 2, 6ff.) Bereits die Kirchenväter Cyrill von Alexandrien oder Tertullian sprechen von Gott am Kreuz.

Für die leibliche Leidensfähigkeit Gottes am Kreuz ist in der Gestalt Jesu Christi die Verknüpfung geschaffen. Dessen erstes Erleiden in der Welt seine Geburt darstellte. Gott beschränkte sich in seiner Allmacht also nicht darauf, seinen Logos in die fleischgewordene Form der Person Jesu Christi zu bringen, auch er unbefleckt wie Maria seine Mutter. Nein, er lies seinen Sohn durch den Schmerz der menschlichen Geburt gehen, das erste Trauma, das jeder Mensch erlebt, wenn er in die Welt eintritt: dieser Eintritt ist nicht umsonst zu haben, er wird dich viel kosten, am Ende dein gerade geschenktes Leben. Sei dir also der Kostbarkeit bewusst, die in der Kürze, der Endlichkeit deines Lebens liegt, diene mir damit – aber genieße es auch, dein Geschenk, dafür habe ich es dir gegeben. Darum beneideten die antiken griechischen Götter schon den Menschen: über die Endlichkeit seines Lebens war jeder einzelne Moment so unendlich viel schöner als für die Götter.

Jesus lebte bei den Menschen als einer von ihnen. Er aß, trank und schlief mit ihnen. Er teilte also die vollkommen menschliche Gemeinschaft. Das legt nicht nur den Schluss nahe, Christus habe auf dem Passionsweg und am Kreuz menschliches Leiden und Tod erfahren, sondern dies sei auch in der Endlichkeit der personalen Existenz des Menschen geendet. Hier wäre dann Christus als Mensch gestorben. Doch hat Maria zugleich den Sohn Gottes geboren, dann ist auch der Logos in dieses Leiden und Sterben mitgenommen. Damit ist die Leidensfähigkeit Gottes ausgesagt. Und, so könnte man durchaus hinzufügen, die anverwandelte Göttlichkeit in Menschlichkeit, die sterben muss als Ausdruck geschenkter Barmherzig an den Menschen. Nur weil Gott das Leiden des Menschen kennt, ja, es selbst annimmt in seiner Gottesoffenbarung durch seinen Sohn, begründet er seine eigene Leidensfähigkeit aus göttlichem Erbarmen mit der geschaffenen menschlichen Existenz.

Könnte man nun aus historischer Perspektive einwenden, dass sich aus diesen Überlegungen nur die personale Existenz Jesu Christi herleiten lässt, nicht aber eine Verknüpfung mit der Gottesvorstellung und damit göttlicher Leidensfähigkeit? Das historische Argument, das aus seiner Perspektive nach Belegen (Erscheinungen oder gar „Beweisen“) sucht, müsste dann in der Lage sein, aus sich heraus eine Argumentationsfigur zu entwickeln, die den Zusammenhang von Verkündigung und Leben Jesu einschließt und erklärt. Das ist mit den Mitteln historischer Forschung nicht leistbar. Denn sie kann die Klammer nicht bieten. Warum? Wir können fragen, über wen wir wen wir reden: Jesus oder Christus? Jesus als historische Person oder Jesus als Träger des Titels „Christus“? In Jesus von Nazareth sehen wir die historische Person Jesu. Die Übersetzung von Jesus Christus heißt: Jesus, der Gesalbte. Von hier aus wird auch der Titel Messias verständlich. Doch das klingt letztlich nur dann in eins, wenn man folgendes hinzunimmt: den Vater, eben Gott selbst. Er selbst ist die Klammer.

Das Verständnis des predigenden Jesus als dogmatische Figur, die Menschen zum Glauben führend, das ermöglicht ein Zerreißen des Sendungsgedanken. Denn Jesus verkündigte kein Dogma, keinen Glaubenssatz im strengen Sinne, sondern er verkündete die Botschaft von der Universalität der Liebe. Nicht die pharisäische Rechtgläubigkeit, sondern das einfache Vertrauen auf den Vater, die Brüderlichkeit der Menschen und das Ausgerichtetsein des Menschen auf diese väterliche Liebe.

Noch ein weiterer Einwand wäre möglich: wenn wir für einen Moment lang annehmen, die gesamte Personalität Jesus zur Seite zu stellen, dann bliebe uns lediglich das Wort, auf das wir zurückgeworfen wären. Dieses Wort wird bis heute gepredigt, doch ist es keine geoffenbarte Verkündigung mehr. Der griechische Begriff Kerygma, der sich bei Markus und in den Paulusbriefen findet, zielt auf die Aussage der rettenden Gerechtigkeit Gottes und steht damit in einem personalen Bezug zum Menschen. Dieser Bezug gewinnt sowohl an Glaubwürdigkeit als auch an Vertrauenswürdigkeit, sobald er von jemandem ausgesagt wird, der dazu berufen ist – authentisch würden wir heute sagen. Das heißt dieser Jemand steht inhaltlich ebenso für die Wahrheit der Verkündigung als auch von seinem Amt her. Von hier aus können wir Jesus Christus als genau diesen „Amtsträger“ vorstellen, der authentisch das Wort von Gott aussagt. Denn nur er ist (authentisch) berufen und von ihm sind alle Nachfolgenden berufen worden. Darauf gründet schließlich auch das Fundament der Kirche.

Schauen wir auf die Texte der Bibel, dann könnte man noch eine andere Gegenstimme bemühen. Es gibt keinen „göttlichen Menschen“. Das ist richtig, weder die antike kennt die Gottessohnschaft noch die Bibel. Nun könnte der Gedanke naheliegen über die Königstheologie einen Weg zu finden. In Psalm 2, 7-8 heißt es: „Den Beschluss des Herrn will ich kundtun. Er sprach zu mir: ‚Mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt. Fordre von mir und ich gebe dir die Völker zum Erbe, die Enden der Erde zum Eigentum.“ Doch damit kommen wir nicht weiter, denn dies ist Ausdruck der altorientalischen Vorstellung von der mythischen Zeugung der Könige durch Gott. Doch in Bezug auf Jesus müssen wir feststellen, dass hier keine Zeugung Gottes vorliegt, sondern eine Erwählung. Die Gottessohnschaft Jesu liegt also in einer Erwählungstat, einem bewussten ‚Rechtsakt‘, der darauf zielt, Jesus zugleich als Christus zu bestellen und sein Volk unmittelbar in diese Auserwählung miteinzubeziehen. Jesus tritt damit seit den ersten Verheißungen an Israel in die Nachfolge des Hauses David.

Gestützt wird diese Überlegung noch durch einen anderen Gedanken: blickt man auf das Ende der personalen Existenz Jesu, den Tod am Kreuz, so wird deutlich, dass es im Bezug der Gottessohnschaft um eins nie geht, um Macht. Jeder Herrscher definiert sich genau darüber. Das hat sich bis unsere heutigen Tage vom Grundsatz her nicht geändert. Freilich sind die Mechanismen feiner, partizipativer. Heute wird ein Reich nicht mehr durch das Schwert geschmiedet. An dessen Stelle sind Rechtsmacht, politische Macht, wirtschaftliche Macht getreten. Und es geht bei Jesus nicht um die weltliche Ausübung göttlicher Macht, sondern um die Bereitung des Bodens zur Aufnahme der Liebe des Vaters, die sich fortsetzt in der Liebe zueinander, in der Gemeinschaft auf Gott und seinen Sohn hin.

Im Rückbezug auf das Psalmzitat erkennen wir somit, dass der Gekreuzigte sich auf die Vorsehung zubewegt hat, die ursprüngliche Königsidee in der Knechtsidee gemündet ist. Das Christusgeschehen als Heilsgeschehen in der Jesu-Knechtschaft Gottes. Die Selbstentäußerung Jesu Christi am Kreuz kann als ein ‚für‘ gedeutet werden. Ein ‚für‘ zur Vollendung der Vorsehung, zur Rettung des Menschen, als Bitte an den Vater um Annahme seiner selbst und aller, die an ihn glauben. Es ist die Bekräftigung des Willens Gottes.

Mit folgendem Gedanken möchte ich schließen: das Zusammenfallen von Jesus und Christus drückt sich zugleich in seinen Verkündigungen aus. Sie sind beides zugleich – ein innerweltliches Hinführen des Menschen auf das künftige Heil hin wie das Sein als reine Form, so dass auch hier beides in eins fällt: die Aussagen Jesus Christus sind mit ihm untrennbar verbunden, sie sind reiner Seinsbestandteil, insoweit liegt in der Selbstaussage Christi auch die Offenbarung Gottes geborgen.

Und doch begibt Jesus sich sehenden Auges in mit seinem eigenen Leid in das Leid der Menschen: „Abba, Vater“, sagte er, „dir ist alles möglich. Lass diesen bitteren Kelch an mir vorübergehen! Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Mk. 14, 36)