Geheimnis des Glaubens

Geheimnis des Glaubens? – Wiedergelesen: die Legende vom Großinquisitor!

In der Eucharistiefeier spricht der Priester diese Worte für die Wandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi. – Gott als lebendiges Ereignis unter uns, im Miteinander des lebendigen Gottesdienstes ebenso wie im Täglichen. Die Kirche versteht sich als lebendiger Teil des in Christus geoffenbarten Heilsplans Gottes, ausgedrückt in der Vermittlung der göttlichen Heilsökonomie, mithin im Geheimnis des Glaubens.  – Doch ganz so einfach scheint nicht (gewesen) zu sein. Begeben wir uns auf den Pfad mit Dostojewski.

Im zweiten Teil, fünftes Buch der „Brüder Karamasoff“ findet sich „Der Großinquisitor“. Die Lektüre liest sich verblüffend „modern“ (erschienen 1880). Worum geht es? Dem Kern liegt das bekannte Theodizee-Problem zugrunde: warum lässt Gott das Leid in der Welt zu, insbesondere dem Gerechten gegenüber. Doch das ist nur der Einstieg, um sogleich auf die ‚andere‘ Seite dieses Problems zu wechseln: diejenige des Leid verursachenden Menschen.

Knapp beschrieben lautet die Legende wie folgt: Christus erscheint nach 1500 Jahren wieder auf der Welt und wirkt erneut Wunder. Die Menschen strömen ihm zu, er hilft ihnen, aber er spricht nicht zu ihnen. Die Menschen schreien und werfen sich ihm zu Füßen, damit er nicht aufhöre Wunder zu wirken. Während eines solchen Wunderereignisses kommt der Kardinal-Großinquisitor vorüber und beobachtet das Treiben. Er lässt Christus verhaften und in ein erbärmliches Loch werfen. Die Menschen fügen sich, keiner begehrt auf. In der darauffolgenden Nacht besucht der Inquisitor Christus in dessen Zelle.

Folgen wir der Argumentation des Inquisitors – Christus spricht nicht.

Zu Beginn bestreitet der Kirchenmann IHM das Recht, je etwas dem hinzuzufügen, das nicht bereits bis zu seinem Auffahren in den Himmel gesagt oder getan worden ist. Denn das war ja das Abschließende, auf dem die Kirche ihr Fundament errichtete. Und was für einen prächtigen Bau sie darauf gesetzt hat! Nun kommt ER und stört! Zur Vorsicht kündigt der Kleriker an, IHN gleich morgen zum bösesten aller Ketzer zu erklären und unter eifriger Beteiligung des Volkes hinzurichten. Nur ein einziger Wink genüge dafür!

Zynisch führt er aus: „Hast Du das Recht uns auch nur eines der Geheimnisse jener Welt, aus der Du gekommen bist, aufzudecken? Nein, dieses Recht hast Du nicht, denn das hieße Neues zu dem, was schon früher gesagt worden ist, hinzuzufügen und den Menschen die Freiheit nehmen, für die Du damals eintratest, als Du auf Erden wandeltest. Alles, was Du neu verkünden würdest, wäre jetzt ein Anschlag auf die Glaubensfreiheit der Menschen, denn es würde nun als Wunder in Erscheinung treten.“

Der Inquisitor fährt fort: Und genau das hat die Kirche teuer bezahlen müssen! Nun hat sie die Freiheit des Christenmenschen konsolidiert: denn heute glauben die Menschen wirklich frei zu sein. Und in dieser Überzeugung haben sie uns diese Freiheit als freiwilliges Opfer dargebracht, damit wir die Freiheit überwinden und die Menschen glücklich werden! Das ist die absolute Konsequenz daraus, dass uns diese Arbeit übertragen worden ist: denn wir bekamen das Recht zu binden und zu lösen. Das könnte auch eine erneute Wiederkunft uns nicht mehr nehmen.

Die erste Versuchung

Waren die drei Fragen des Antichristen nicht selbst schon ein Wunder? Denn welcher Menschengeist wäre dazu in der Lage gewesen? Müssten sie neu eingeschrieben werden in das Buch des Christentums, sie würden sich dort nicht wieder finden! Nur der absolute Geist konnte sie in die Welt bringen, kein gewöhnlicher Menschenverstand. Doch während die Versuchungen durch den göttlichen Geist bestanden werden, wird den Menschen etwas verheißen, das sie nicht bewältigen können: die Freiheit. Sie ist ihnen unerträglich, denn die damit verbundenen Aufgaben, die Verantwortung, das Recht in der Welt, das alles überfordert sie. Deshalb laufen sie auch dem hinterher, der  aus Steinen Brot macht. Gehorsam gegen Brot. Doch die Bedürftigkeit des Menschen ist nicht darauf reduzierbar. Sie ist umfassender, auch ihre Freiheit muss gesättigt werden. Und doch wird die Wissenschaft erklären, man könne mit der Freiheit alles anstellen, denn es gäbe ja nur Hungrige, folglich könne ihr Verhalten auch keine Sünde sein: „Sättige sie zuerst, dann kannst Du von ihnen Tugenden verlangen!“ Belässt du ihnen aber weiter die Freiheit, werden sie wieder einen Turm bauen, werden sie wieder scheitern und uns verfolgen. Doch irgendwann erkennen sie ihre Unfähigkeit, keine Wissenschaft wird ihnen Brot geben und sie werden wieder zu uns kommen, uns anflehen, sie endlich satt zu machen. Denn dein himmlisches Brot können sie nicht essen. Sie sind zu schwach, zu verderbt und zu begrenzt, um dein Angebot auch nur ermessen zu können. Sie sind leidliche Menschenempörer.

Nun müssen wir für dich lügen: denn wir müssen ihnen sagen, dass wir in deinem Namen handeln und nur wir sie zum Heil führen können, weil du ihnen kein Brot gegeben hast. Denn daran knüpfte sich die entscheidende Frage: was sollen wir anbeten? Weil die Freiheit eine so umfassende ist, sie keinerlei Beschränkung kennt, wurde sie zur Qual für die Empörer. Denn ihr ist eine zweite Qual verbunden, die sich ebenso wenig ausräumen lässt: die der Gemeinschaft. Wenn man sich beugt, Ehrfurcht und Anbetung bezeugt, dann doch nur in Gemeinschaft, damit man der Solidarität der Gruppe sicher ist. Keiner kann ausscheren – oder er verfällt der Strafe. Denn sollte es doch einer können, wäre er da, der Zweifel, der ärgste Feind des Glaubens. Darum galt es die Gemeinschaft zu finden, zu stärken und zu bewahren, wofür auch das Schwert seinen Betrag leistet.

Perfide fügt der Inquisitor hinzu: „Denn das Geheimnis des Menschenlebens liegt nicht im bloßen Dasein, sondern im Zweck des Daseins. Ohne eine feste Vorstellung davon, wozu er leben soll, wird der Mensch nicht leben wollen, und er wird sich eher vernichten, als dass er auf Erden leben bliebe – selbst dann nicht, wenn um ihn Brote in Fülle wären.“ Und was ist dieser Zweck? Die Freiheit des Gewissens? Dass er sich immer auch anders entscheiden kann? Ja, natürlich, das auch. Es ist aber noch weitaus schlimmer: für das geplagte Gewissen können wir, der Klerus, immer noch sorgen, wir nehmen dem Empörer die Beichte ab, schenken ihm den Ablass, doch deine Forderung ist für die Freiheit oder die Feigheit eines Christenmenschen ungeheuerlich. Denn du wolltest seine freie Liebe, freie Hingabe, freie Anbetung! Was für ein Anspruch, wo er dich doch im nächsten Augenblick verhöhnen, verwerfen, kreuzigen kann. Das ist eine unlösbare Aufgabe für den Menschen. Doch es gibt Hilfe: Wunder, Geheimnis und Autorität.

Die zweite Versuchung

Auch dem Sturz vom Tempel entsagtest du, führt der Inquisitor ihn weiter durch seine Gedanken, denn dir war klar, dass du mit nur einem Schritt schon Gott versucht hättest und damit dein Glaube an ihn gescheitert gewesen wäre, ebenso wie die Rettung der Welt. Und doch ist der Mensch, dem dein Heil gilt, ja so beschaffen, dass er sich Wunder wünscht, sie sucht, um nicht an seiner eigenen Unfähigkeit irre zu werden. Doch du wiederum stiegest nicht vom Kreuz herab, als die Soldaten dich dazu aufforderten, weil du nicht die Zuneigung der Menschen über ein erzwungenes Wunder erlangen wolltest. Damit geht auch einher, was die Einschätzung des Menschen durch dich anbelangt: du wolltest nicht seine ganze Schwäche und Unzulänglichkeit sehen und doch hättest du ihn besser geringer geachtet, dann wäre es ihm leichter gefallen, seine dann kleinere Bürde zu tragen. So aber „ist nichts als Unruhe, Verwirrung und Unglück den Menschen zuteil geworden, nachdem Du soviel für ihre Freiheit gelitten hast!“

Wo sind alle die Berufenen?

Der Kleriker findet, er sehe keine, die bei IHM auferstanden seien, vielleicht noch die aus den Stämmen, aber wo bitte sind alle die vielen anderen, die in deinem Namen doch ins Himmelreich auffahren sollten? Tragen sie eine Schuld, die nicht tilgbar ist? Oder sollten per se nur die Auserwählten aufsteigen? Dann wäre das ein Geheimnis und wir taten gut daran das Mysterium zu predigen: denn dann was würde dann der freie Entschluss des Herzens zählen? Es zählte nur das Geheimnis, dem alle blind vertrauen müssten. Und genau das haben wir ins Werk gesetzt: Wunder, Geheimnis und Autorität. Darauf beruht die Kraft der Führung der Herde, das macht sie glücklich, denn wir haben sie aus ihrer Ohnmacht erlöst.

Die dritte Versuchung

Darum sollst du uns auch jetzt nicht stören, wir wollen deine Liebe nicht. Wir haben die Herde gelehrt, dass wir nun ihre Führer sind, sie das Schwert des Kaisers ebenso zu respektieren hat wie unsere Gunst, denn wir sind mit ihm verbunden. Aber auch den dritten Versuch eines Rates hast du ausgeschlagen, du hättest die Weltherrschaft erringen können. Denn die Menschen streben so sehr nach einer universalen Vereinigung, dass sie sich dir gebeugt hätten. So aber bemächtigten wir uns des Schwertes und folgten letztlich damit ihm nach. Dann reichen wir den Menschen, die du verschmähst – und das ist ja der große Rest – den Kelch mit der Aufschrift ‚Geheimnis‘ und es wird für sie endlich jene Ruhe und jener Frieden anbrechen, den du versprochen hast, der aber nur für deine Auserwählten da ist. Wir aber geben allen anderen diesen Frieden!

Nun ereignet sich eine unerhörte Wendung: der Inquisitor erklärt, dass alle Freiheit und Wissenschaft und der freie Verstand ganze Gruppen von Menschen vernichten wird. Die übrig Bleibenden aber kriechen zur Kirche und betteln um Führung: „Ja, ihr hattet recht, ihr allein besaßt Sein Geheimnis, und wir kehren zu euch zurück, rettet uns vor uns selbst!“ Man merkt förmlich wie ihm die eigene Hybris zu Kopf steigt. Er sagt: „Und wenn sie dann von uns Brote erhalten, werden sie natürlich erkennen, dass wir nur ihre Brote, die von ihren eigenen Händen geschaffenen Brote von ihnen nehmen, um sie wieder an sie zu verteilen, also ihnen ohne jedes Wunder Brot geben. Sie werden sehen, dass wir nicht Steine in Brot verwandeln. Aber wahrlich, mehr noch als über das Brot werden sie sich darüber freuen, dass sie es aus unseren Händen erhalten! Denn nur zu gut werden sie sich erinnern, dass früher, ohne uns, selbst Brote, die sie schufen, sich in ihren Händen bloß in Steine verwandelten, dass aber, als sie zu uns zurückkehrten, selbst die Steine in ihren Händen zu Broten wurden. Nur zu gut, nur zu gut werden sie zu schätzen wissen, was es heißt, sich ein für allemal unterworfen zu haben! Solange sie das nicht begreifen, werden sie unglücklich sein.“

Nun könnte man daran denken, dass der Inquisitor seine Macht auf dem Höhepunkt weiß, und genau deshalb ist es ihm möglich einen Rückbezug herzustellen: die Sünde selbst erklärt er zur Verhandlungsmasse. Indem die Kirche den Menschen die Sünde gestattet, zieht sie jeden vollends auf ihre Seite. Dazu verkünden die Kirchenfürsten dann, dass die Erlaubnis zur Sünde aus ihrer Liebe zu den Menschen entspringt. Und sie selbst großzügig für die Sünden die Strafe auf sich nehmen. Dann steigen die Schwarzröcke gleichsam in den Olymp auf: denn die Menschen werden sie dafür umso mehr lieben, dass sie Gott gegenüber der Menschen Sünden auf sich nehmen. Was für eine Großtat! Und alle werden kommen: „Es wird Tausende von Millionen glücklicher Kinder geben und nur hunderttausend Leidtragende, die den Fluch der Erkenntnis von Gut und Böse auf sich genommen haben. Still werden sie sterben, still werden sie erlöschen in Deinem Namen und jenseits des Grabes nichts als den Tod finden. Aber wir werden das Geheimnis wahren und werden die Menschen beglücken, indem wir ihnen himmlische und ewige Belohnung verheißen. Denn selbst wenn es dort in jener Welt etwas geben sollte, so wird es doch selbstverständlich nicht für solche sein wie sie. Man sagt und prophezeit, dass Du kommen und von neuem siegen werdest, dass Du mit Deinen Auserwählten, Deinen Stolzen und Mächtigen kommen wirst. Wir aber werden sagen, dass sie nur sich selbst, wir aber alle gerettet haben.“

Genau darum geht es aber bei der katholischen Kirche: nicht um irdischen Thant oder um Macht, nein, es geht um der Menschen Schicksal. Und das konnte nur der dunkle Geist erträglich machen, selbst wenn das ab und an verlangte, die Menschen zu belügen, zu betrügen, in grausame Qualen zu stürzen oder gar in den Tod. Denn selbst dann werden sie noch das Gefühl von Dankbarkeit und Glück in sich tragen, weil die Kirche die Herde leitet. Und spitzfindig fügt der Inquisitor hinzu: „Mir schwant, dass auch die Freimaurer etwas von der Art dieses Geheimnisses in ihrer Grundidee haben, und ich glaube sogar, dass sie nur deswegen von den Katholiken so gehasst werden, weil diese in ihnen Konkurrenten und eine Gefahr für die Einheit ihrer katholischen Idee wittern.“

Bis jetzt hat Christus nicht gesprochen, nur aufmerksam zugehört. Dann geht er auf den Inquisitor zu und küsst ihn auf dessen blutleere Lippen. Daraufhin entlässt der ihn, gibt ihm aber die Warnung mit auf den Weg, ja nie wieder zu kommen!

Geheimnis des Glaubens: unschlüssig bleiben wir zurück. Werden wir manipuliert? Ich denke: zunächst muss jeder Gläubige ein eigenes Verhältnis zu Gott aufbauen, etwas das ihn gefühlt trägt. Und das ist zunächst mal nichts Vorgegebenes. So wie wir Andacht, Demut oder Gebet lernen müssen (und unser Leben lang nicht damit fertig werden), müssen die Wurzeln unseres Glaubens in uns selbst kraftvoll werden. Hören wir mit dem Herzen, bleibt uns nicht verborgen, was das Richtige zu tun ist, wo zu helfen ist, wo zu kümmern, wo zu empfangen. Denn wir leben nur aus dem Empfangen heraus, nicht aus dem Handeln. Das Handeln ist im besten Fall die Folge aus dem Empfangen. Für das Empfangen müssen wir uns jedoch öffnen, keine geheimen Winkel für den dunklen Geist lassen. Denn wir alle tragen Inhalte davon in uns. Können wir jedoch empfangen, werden diese Inhalte stumm und wir öffnen unser Herz der Gnade. Das würde ich unter glücklich verstehen. Denn: „Und was hast du, das du nicht empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ (1. Kor. 4,7)