Das gefrorene Meer – in uns

Wertebezüge? – Gesellschaft und Spiritualität

Gesellschaft wandelt sich. Manchem macht das Angst. Anderen geht es nicht schnell genug. Zwischen diesen Spannungspolen gibt es viele weitere, zumeist kleinere Energiepunkte. Manchmal leuchten sie in der Nacht. Zeigen uns ein Stück des Wegs, den wir gehen könnten. Doch bei sehr vielen erstickt das gefrorene Meer in uns das Sehen, Hören, Riechen, Glauben.

Deutschland entkonfessionalisiert sich. Zugleich sind immer mehr Menschen auf alternativer Sinnsuche. Die Freikirchen boomen, Esoterik findet sich überall, sinnstiftende Ratgeber können wir im Supermarkt erstehen. Ohne sinnstiftende Erlebnisse, Glaubensinhalte scheint es nicht zu gehen.

Deutschland ist ein säkular verfasster Staat (nicht ganz so rigoros wie Frankreich vielleicht), aber der (direkte) Einfluss der Kirchen ist begrenzt. Aus demokratischer und verfassungspolitischer Sicht ist das unter dem Gesichtspunkt liberaler Verfasstheit begrüßenswert. Doch wir müssen hier auseinanderhalten: die Funktionalität unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung mit dahinter aufscheinenden Wertebildern, deren Einfluss auf unser Grundgesetz nachweisbar ist. Auch hier scheint es also ohne eine Werteorientierung nicht gegangen zu sein. Das ist besonders deshalb verständlich, weil die Lehren aus Weimar und dem Faschismus nach 1945 eine Orientierung im Zusammenhang mit der Völkergemeinschaft unumgänglich machten. Das ist den Vätern und Müttern des Grundgesetztes aus meiner Sicht überzeugend gelungen. Die Rückbindung, die sie für nötig und angemessen hielten, war diejenige unserer christlichen Glaubenskultur. (Ja, natürlich war auch die in weiten Teilen diskeditiert, aber sie war es eben nicht per se, sondern nur weil sie missachtet, missbraucht, vergewaltigt wurde). Und diese Glaubenskultur fand sich eben auch in unseren Nachbarländern: das waren Anknüpfungspunkte, die es nach meiner Ansicht, überhaupt erst ermöglichten, ein so großes Werk wie die deutsch-französische Verständigung zu initiieren. Und sie trägt bis heute. Wir werden sehen, welche Entwicklungen mit Emanuel (der Name steht für „Gott mit uns“) Macron im bilateralen wie im europäischen Verhältnis noch auf den Weg gebracht werden können. Anders gewendet: das sinnstiftende Ereignis christlichen Glaubens, das wir übers Jahr mit vielen Festen immer wieder aufs Neue begehen, bildete eine Basis für Verständigung: man ehrt, respektiert, versteht und unterstützt einander, ohne auf die Sprache, die Nation, die Politik zu achten. Weil die gemeinsame Schnittmenge etwas ist, das man nicht nur im Geiste, sondern zuvörderst im Herzen teilt.

Zugleich kranken unsere ‚modernen‘ Gesellschaften eben an jenen Rückbindungen, die ich oben kurz angedeutet habe, oder genauer gesagt: sie kranken daran, in Beliebigkeit zu versinken, keinen allgemeinverbindlichen (im Sinne breiter Bevölkerungsschichten akzeptierter Überzeugungen) Wertekonsens zu haben. „Jeder soll nach seiner Façon selig werden” – dieses preußisch-liberale Prinzip war eingebettet in jene sinnstiftenden Glaubensüberzeugungen damaliger Zeit. Die Verschiedenheit war überschaubar. Heute sind die Angebote nicht mehr zu überschauen. Der Bindungsverlust der großen beiden Kirchen ist erschreckend, das Wachsen der Pfingstler kontinuierlich. Diese „Erweckungsbewegung“ knüpft an das jüdische Wochenfest (Schawuot), dem 50. Tag nach Pesach an und feiert die Ergießung des Heiligen Geistes. Selbstverständlich wird das in den großen Konfessionskirchen auch gefeiert, aber Bindung entsteht darüber anscheinend keine. Es liegt offensichtlich nicht an mangelnder Spiritualität des christlichen Glaubens. Eher vielleicht an der verblassenden Authentizität beider großer Kirchen.

Nun klingt „Erweckung“ nach einem altertümelnden Begriff. Er meint aber schlicht nichts anderes, als uns im Herzen berühren zu lassen. Uns vom Heiligen Geist „anfassen“ zu lassen, das was ich an anderer Stelle zum „Empfangen“, aus dem wir als Christen heraus leben, gesagt habe. Als Gesellschaft können wir dem nur das funktional-rationale gegenüberstellen, das uns zwar im Kopf erreicht und für staatsbürgerliche Beruhigung sorgt, wenn es darum geht, dass wir in einem demokratischen Gemeinwesen leben, das ordentlich verfasst, kontrolliert und kontrollierbar ist, in dem der Wille des Volkes seinen rechten Ausdruck findet. Daraus entsteht der sogenannte „Verfassungspatriotismus“. Das finde ich gut, greift mir aber letztlich doch noch zu kurz. Man ist im Kopf dabei, mit dem Herzen aber nicht mittendrin. Will sagen: für ein nachhaltiges Engagement braucht es auch einen gehörigen Schuss Gefühl. Soweit die Sache als solche das nicht bieten kann (Verfassung), sollten es Menschen sein, die dafür mit ihren Überzeugungen einstehen und ihr die eigenen Gefühle schenken. Dann werden rationale Funktionsprinzipien plötzlich zu lebendigen Begrifflichkeiten, mit denen wir beherzt umgehen, für die wir uns ins Zeug legen, aus denen Hoffnungen, Überzeugungen, Verteidigungswillen („wehrhafte Demokratie“ BVerfG) entstehen.

Das alles hat jedoch Wurzeln zur Voraussetzung. Wurzeln in der Familie: sich kümmern, Vorbild sein, Trost spenden, ermuntern, bei der Hand nehmen, Eigenständigkeit fördern, Individualität anschieben, zugleich aber in der Gemeinschaft verwurzelt bleiben, hilfsbereit … Sie kennen das alles. Doch es begegnen einem davon immer weniger Eigenschaften als gelebte Elemente unseres Zusammenlebens. Manchmal scheinen sie kurz auf, man freut sich, doch binnen Kurzem sind sie verweht, als seien sie nie sichtbar geworden. Wenn das alles fehlt, dann wird das Leben als solches für den einzelnen nicht nur beschwerlich, sondern fad, ja sinnentleert, ohne Verlässlichkeit. Wir kommen ohne diese Werte aber nicht aus. Wie können wir ohne Vertrauen und Verlässlichkeit an unserer Zukunft, der Zukunft unserer Kinder bauen?

Hat hier der Materialismus die Spiritualität aufgefressen? Ja, das denke ich. Und genau so erlebe ich es auch. Was trägt im Leben? Das Materielle? Nun ja, für die grundlegenden Bedürfnisse (etwa im Sinne der Pyramide von Maslow). Für alles andere? Es mag im Einzelfall ein kurzes Leben sein, wenn es jedoch von Glück erfüllt ist, dann hat es uns reich gemacht – im Herzen. Und dieses Überströmen strahlen wir aus, übertragen es auf alle und alles in unserem Leben. In diesem Sinne ließe sich sagen: zu lieben und geliebt worden zu sein, ist der größte Schatz, den ein Menschenleben hervorbringen kann. Ludwig Tieck zeigt uns das auf berührende („erweckende“) Weise mit seiner Novelle „Des Lebens Überfluss“ – auch wenn die Schlusswende doch in Materialität mündet.

Ist Ihnen das vielleicht auch schon aufgefallen? Man begegnet sich nicht mehr! Nein, so absolut stimmt das nicht, ich bringe dazu auch noch ein Beispiel. Doch zunächst: Über den Tagesverlauf und fast möchte man sagen im Jahreskreis laufen wir aneinander vorbei. In U, im Bus, der Tram: alle Welt arbeitet sich ab am Smartphone. Haben wir uns nichts mehr zu sagen? Früher saß man in der Bahn vielleicht einer schönen Dame gegenüber, man hat ein wenig zu flirten begonnen, in der Hoffnung, ein paar Augenblicke von ihr dafür geschenkt zu bekommen. Und da war sie dann: die Begegnung. Vielleicht nur im Blick, im Lächeln oder auch in einem freundlichen Gespräch über Gott und die Welt – ohne oberflächlich zu sein. Von dieser Begegnung nahm man etwas mit: die Freundlichkeit, eine nette Geste oder auch den gefühlten (!) guten Wunsch für diesen Tag. Das tägliche Bild aus dem Hier und Heute kennen Sie. Warum nur berauben wir uns solcher Augenblicke, Begegnungen? Das versprochene Beispiel: vor geraumer Zeit stellten ein Kollege und ich fest, dass wir eine sehr strake Südtirolleidenschaft teilen. Er in den Sextnern „zuhause“, ich im Meraner Land und den  (westlichen) Dolomiten. So kam meine spontane Einladung: Mensch, das müssen wir mal intensiv besprechen. Ein Abend bis Mitternacht mit alten Fotos aus den Sechzigern, Siebzigern … Mann – wie sahen wir da aus! Himmel, was für ein schöner Rückblick, längst Vergessenes kam zum Vorschein und rundum noch viel zur aktuellen politischen Lage, in Italien, bei uns. Das Erleben war so lebendig wie ich es lange nicht mehr genießen konnte. Und auch da war sie: die Begegnung.

Das war so berührend daran: die Erkenntnis und (!) das Gefühl, eine Erziehung durch die Gesellschaft geschenkt bekommen zu haben, die bis heute trägt, die eine wertehaltige Sozialisation brachte als eine ganz wichtige Grundvoraussetzung im Zusammenleben mit anderen: sich einlassen können, Gemeinschaft teilen, Unterschiede zum Anlass für Dynamik nehmen und sich am kleinen Glück erfreuen zu können. Eine positive Bescheidenheit im Anspruch (an materielles) und eine großzügige Haltung des Herzens, des Verschenkens von Gefühl. Gerade das hat diesen Abend so intensiv gemacht.

Jenseits dieser so privaten Erfahrung erlebe ich beruflich derzeit leider die andere Seite: junge Menschen, die nur eine schwache gesellschaftliche Sozialisation bekommen, wo die Schulen händeringend um Unterstützung bitten, die Politik nicht zuhört, Sozialverbände Sturm laufen, die öffentliche Verwaltung hilflos scheint. Anders gesagt, wir schieben derzeit einen großen Berg kommender gesellschaftspolitischer Probleme einfach vor uns her, ohne konkrete die Ursachen zu erforschen und Gegenstrategien zu entwickeln. – Nebenbei gesprochen: diese Strategien kommt vielleicht schon zu spät, wenn sie denn überhaupt kommen. Denn mit denjenigen Jugendlichen, die wir pro Schulabgangsjahr verlieren (im Hauptschulbereich bis zu 90%), baut sich eine schwere Last auf, die uns noch gewaltig auf die Füße fallen wird. Spricht man die politisch Aktiven darauf an, erntet man vom Schulterzucken bis zum Fragezeichen alles, nur nichts hilfreiches. Werden wir blind? Hier entsteht ein Mehrgenerationenproblem, das auf die lange Sicht in einem gesellschaftspolitischen Scherbenhaufen münden kann. Auf der einen Seite diejenigen, die einen Brief nicht beantworten, die auf keine Einladung reagieren, die einfach abtauchen, wo die Eltern offensichtlich kein Interesse an der Zukunft der Kinder haben, Lehrer beim Ausfüllen von Hartz IV-Anträgen assistieren. Auf der anderen eine Gesellschaft (bei derzeit 44 Mio. Erwerbstätigen), die sich immer nur mit sich selbst auf kleinster lokaler Ebene beschäftigt und ansonsten mit der (materiellen) Zerstreuung. Anders gewendet: es interessiert schlicht keinen.

Warum ist das so? Eine Antwort könnte so lauten: Wir machen es uns bequem, indem wir (sofern nicht unmittelbar betroffen), die Entscheidungen, ja bereits die Analysen der Politik überlassen. Da sitzen ja welche, die haben Lust das zu machen. Protestieren, wenn uns das Ergebnis nicht gefällt, können wir ja immer noch. Aber: so funktioniert unser Gemeinwesen nicht. Richtig: es ist repräsentativ verfasst, direkten Einfluss können wir nur begrenzt nehmen. Aber wir können uns in Gruppen organisieren, uns für eine Sache stark machen. Doch wir sind mehr und mehr eine träge Masse geworden.

Eine andere Antwort liegt im professionellen Politikbetrieb. Diejenige Lobby, die am nächsten dran am Abgeordneten ist, an Meinungsmultiplikatoren etc. setzt sich am Ende durch, weil die Masse sich nicht rührt. Und die rührt sich nicht, weil vieles für sie auch schlicht zu kompliziert und undurchschaubar wird. Schnell argumentieren versierte Befürworter oder Kritiker juristisch, da kommt Max Münstermann nicht mehr mit. Das muss er auch nicht. Aber es fehlt an Zwischengliedern, die erklären, Verständnis vermitteln, durchmischen. Das gilt es zu organisieren. „Pulse of Europe“ ist ein schönes Beispiel für gesellschaftliches Engagement von unten. Das ließe sich vervielfältigen in allen Bereichen.

Kommen wir zurück auf den Beginn der Überlegungen. Wertebezug und Spiritualität.

Die historischen Erscheinungsformen christlich überformter Staatspolitik wurden bis hinein in die Moderne als abgeleitete und damit über höheres Recht legitimierte Akte erklärt. Von deren Wahrheitsgehalt wollen wir gerne absehen, sie zeigen aber auch das Grundbedürfnis: in einer konstruktivistischen Welt, in der wir alles selbst bestimmen, beschleichen uns schnell Gefühle von Allmacht und Alles-Können. Sie einzuhegen bedarf es für viele einer höheren Macht, die uns legitimiert oder delegitimiert. Doch Missbrauch ist auf beiden Seiten möglich. Deshalb hat sich unser politisches System seit 1945 ja so bewährt, hat viele Krisen überstanden, ziemlich geräuschlos den DDR-Staat integriert, amalgamiert. Demokratie ist ja nach einer Definition auch die Herrschaft durch Verfahren, also der Nachvollziehbarkeit, der Prüfbarkeit von Funktion und Ergebnis.

Wie also umgehen mit spirituellem Bedürfnis und säkularem Staat, Wertebindung und „leben nach der eigenen Façon“? Ein Wertekanon ist immer auch Herkunfts-, Familien-, Kulturbasiert. Der ist unsere oben kurz anskizzierte Rechtsordnung, von der man schon in etwa wissen sollte wie sie funktioniert. Innerhalb dessen können wir uns allen Werten anvertrauen, die wir für uns lebendig und lebenswert empfinden. Das Spektrum ist weit. Doch in Bezug auf die Entwicklung als Gemeinschaft, als Gesellschaft fände ich es ratsam, Umgangsformen, Empathie, Hinschauen bei Hilfsbedürftigkeit, Not und Elend, bei schreiender Ungerechtigkeit, andere Menschen einschalten, mobilisieren, für etwas gewinnen. Das mag im Kleinen das Nachbarschaftsfest sein, das mal so schön war und wieder eingeschlafen ist, weil keiner die Orga übernimmt. Bis hin zur Integration zu uns Geflüchteter, die von ihren ehrenamtlichen oft in einer Weise betreut werden, die mir den höchsten Respekt abnötigt. Sich kümmern, nicht sich aufdrängen, aber zur Seite stehen, Hilfsbereitschaft zeigen, Anteil nehmen (gerade auch in schweren Stunden). Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wir müssen sie nur wahrnehmen und aus unserer bequemen Couchecke aufstehen, etwas unternehmen, Menschen mitnehmen. Darin liegt Dynamik und Entwicklung, ganz gleich ob christlich basiert, philosophisch inspiriert oder esoterisch angeklungen.

Copyright IML Juli 2017