Kurie

Ein Haus aus Stein

Der Vatikan, ein Kleinstaat auf 44 Hektar, umgeben von Mauern aus Stein, Mauern aus Schweigen, aus Gerüchten, Desinformation – der wichtigste Ort der Christenheit.

Am 13. März 2013 wird Jorge Mario Bergoglio im fünften Wahlgang im Konklave gewählt. Diese Wahl hat ein Vorspiel: im Konklave 2005 stehen sich im entscheidenden Wahlgang zwei Kandidaten gegenüber.

Jorge Mario Bergoglio und Carlo Maria Martini. Martini gilt als moderat, weltgewandt, offen gegenüber allen Schichten der Gesellschaft, schreibt Bücher zusammen mit Eco, dem großen, bekennenden Atheisten, diskutiert in der Öffentlichkeit über die Ehelosigkeit der Priester, schließt Frauen im Priesteramt nicht grundsätzlich aus. Und: dieser Gentiluomo kommt an beim Volk, bei der Presse. Nicht alle in der Kurie sehen das mit einem freundschaftlichen Blick, aber Martini ist Italiener und das zählt, solange ein Südamerikaner verhindert werden kann! Bloß nicht, denken viele in diesen Stunden.

Denn den verschlossenen, immerzu mürrischen Bergoglio, den sein Orden kaltstellte, abservieren wollte in der Provinz, kann man in Rom keinesfalls als Pontifex gebrauchen. Zwar hat Johannes PII Bergoglio zum Erzbischof von Buenos Aires gemacht, er soll im Jesuitenorden aufräumen. Das sieht man in Rom gerne, denn linksorientierte Tendenzen unter dem verstorbenen Generaloberen Arrupe sind dem Vatikan schon seit PP VI ein Dorn im Auge, auch die sog. „Befreiungstheologie” wird von konservativ-reaktionären Kreisen im Vatikan abgelehnt, insbesondere deren Vordenker Leonardo Boff mit wiederholten Kirchenstrafen belegt. In der Auseinandersetzung mit Kardinal Ratzinger als Vorsitzendem der Glaubenskongregation kommt es zur Anklage vor der Inquisition. Ihm wird eine fehlgeleitete Interpretation der Kirchengestalt vorgeworfen, andere Kirchenformen seinen für ihn aus dem Evangelium heraus denkbar. Offenbarung und Dogma spielten kaum eine Rolle in seinem Denken und Wirken, was den Schutz gegen Häresie ad absurdum führe. Damit ist an Grundfeste der Kirche gerührt. Zudem schadet ihm die Nähe zu den Armen, von denen er sagt, sie würden arm gemacht und mit denen er in kleinen Basisgemeinden in Brasilien das wahre Sakrament des Heiligen Geistes feiert.

In Bergoglio sehen die Kardinale im Konklave ein ‚Wiedergänger‘ dieses südamerikanischen Rebellen, den sie unbedingt verhindern wollten. Zudem hat die Kurie Bergoglio über Jahrzehnte mit Ausgrenzung, Nichtachtung und Ränkespielchen außen vor gehalten. Was wenn gerade der neuer Pontifex würde? Nicht auszumalen auch eine Fortführung der Agenten der Inkulturation, noch unter Arrupe ins Werk gesetzt. Dabei handelt es sich um Austausch und Anpassung an fremde Kulturen, was sich besonders in der Hinwendung zu den Armen ausdrücken sollte: Hier können die Werte des Evangeliums inkulturiert werden – wo die Armen vergessen sind, werden die Jesuiten zu Agenten dieser Inkulturation. Die Jesuiten gelten vielen in der Kurie immer noch als Stachel in ihrem Fleisch, noch nie hat es ein Jesuit auf den Stuhl Petri geschafft. Und jetzt ausgerechnet dieser Bergoglio, der nachgerade noch marxistische Messen mit politischen Kampfrufen und Maschinengewehr absegnen würde? Der für die Armen dieser Welt die Kirchentüren öffnet, getrost dem Motto: kommt zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken! Gott bewahre! Zum Schluss soll noch der Klerus in Armut leben? Nie! Doch auch ein weiterer Aspekt bereitete Schwierigkeiten: der geo-strategische. Bislang können die Europäer und besonders die Italiener die Kirchenpolitik zuhause wie in weiten Teilen der Welt bestimmen. Ein Südamerikaner verhieße für die Gerontokratie im Vatikan einen Zeitenwechsel: die Entmachtung Kontinentaleuropas zugunsten der Dritteln Welt. Was für eine Schmach, die langfristigen Folgen lassen sich gar nicht abschätzen. Da fällt die Erleuchtung vom Himmel in die Sixtina, Gott sei Dank! Das Gerücht kommt auf, Bergoglio habe in der Zeit der Militärjunta zwei Priesterkollegen ausgeliefert. Es wird von Stuhl zu Stuhl gewispert, bis sein Geräusch zu einem tosenden Orkan anschwillt.

Und wieder hilft der Himmlische! Warum dann nicht einen Kandidaten wählen, den man zwar nicht wirklich leiden mag, den man für eine Krämerseele hält, der aber Erfahrung mit dem Bösen hat: Joseph Ratzinger. Hat er nicht unzählige der unbotmäßigen Brüder vor die Inquisition geschleppt und dort abgeurteilt? Eben! Sogar dem einfachen Volk macht er im August 1984 klar: die Eucharistie ist keine klassenkämpferische Veranstaltung. Die Menschen mahnt er: auch ihre gesellschaftliche Versklavung rührt letztlich von der Sünde her! Und die lässt sich nur über den Glauben und die Sakramente überwinden. (So in: Instruktion über einige Aspekte der ‚Theologie der Befreiung‘). – Das ist ein Bollwerk gegen subversive Tendenzen! Und er ist so unerfahren in der Kirchenpolitik, dieser deutsche Studiosus, da kann man leicht weitermachen wie bisher. Dem Herrn sei Dank, manchmal liegt das Heil so nahe! Wenn man doch nicht immer so verblendet wäre. Na, ist noch mal gut gegangen. Beste Geschäfte und weiter so! Begoglio raus, Martini aus dem Rennen, Ratzinger rein.

Doch dann passiert nach so schönen Jahren der bewegten Ruhe das Unerhörte: Benedikt XVI tritt zurück und Jorge Mario Bergoglio wird neuer Papst. Mit ihm wird der Vatikan und die Kirche zur Großbaustelle. Die schlimmsten Befürchtungen der Konservativen werden übertroffen. Schon seine Vorstellung auf der Seconda Loggia ein Eklat: in einfacher Soutane ohne die Insignien des Amtes! Kein Hermelin, keine Mitra. Dafür aber ein Signal an die Kurie: auf der Loggia erscheint auch Kardinal Hummes, der in aller Öffentlichkeit das Dogma der Ehelosigkeit in Zweifel zieht und dies nur als disziplinarische Norm bezeichnet. Aufmerksamen Beobachtern schwant, was kommen würde.

Kurz darauf lobt Franziskus dann ein Buch Kardinal Kaspers, in dem es um Barmherzigkeit als Grundbotschaft des christlichen Glaubens geht. Barmherzigkeit verstanden als Gerechtigkeit und Zuwendung, nicht als ein Loskaufen im Almosen. Da ist die Nähe, die Konservative in der Kurie abwenden wollten: die Nähe zu den Armen, den Vernachlässigten, den Ausgegrenzten, den Ausgesetzten.

Bereits seit dem 2. Vatikanum stehen sich zwei unversöhnliche Strömungen gegenüber: Kardinal Kapser, der eine behutsame Öffnung der katholischen Kirche anstrebt und Joseph Ratzinger, der eine exklusive Kirche im Blick hat, die einen privilegierten Zugang zur absoluten Glaubenswahrheit postuliert. Paradigmatisch drückt sich das im Ringen um die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von Lutherischem Weltbund und katholischer Kirche aus. Kurz nach der Unterschrift unter dieses Dokument veröffentlicht Joseph Ratzinger mit der Zustimmung JP II seine Schrift “Dominus Iesus”, in der er die Lutheraner daran erinnert, dass sie nach katholischem Verständnis allenfalls eine Glaubensgemeinschaft, nicht aber eine Kirche als solche seien. Kulturgeschichtlich steckt hinter dieser Auffassung die Sicht, dass die göttliche Offenbarung positivistisch sei, das heißt alle Inhalte der Glaubenslehre unveränderbar und ewig gültig sind, weil es keine Entwicklung in diesen Dingen geben könne. Die Vertreter dieser ultrakonservativen Linie sehen in den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften folgerichtig Trojanische Pferde, “Irrlehren”, die die katholische Kirche in ihrem Bestand gefährden und deshalb auszuschließen sind.

Schon in den sechziger Jahren hatte sich zwischen Kasper und Ratzinger ein Streit an seiner “Einführung in das Christentum” entzündet. Ein kunstvolles Theoriewerk, in dem Ratzinger in platonischer Reinheit den perfekten heiligen Raum der katholischen Kirche beschreibt, die, wenn sie nur exakt genug Gottes Wünsche umsetzt, dem Menschen bedingungslos erklären könne, was Gott von ihnen erwarte. Das trifft dann sehr schön auf einen Kernpunkt des Streits: die Wiederzulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Eucharistie. Betrachtet man dies aus dem Blickwinkel der „Einführung”, so scheint hier jene Weltferne, jene pastorale Absenz auf, die in ihrer Jenseitsorientierung und elfenbeinweißen Rhetorik nur zur einer Ablehnung führen kann. Brillant geschrieben, schwer zu verstehen, aber kunstvoll entwickelt. Eine traumhafte Lektüre für den Wissenschaftler. Aber fern von den Menschen, ihrem Alltag, Ängsten, Wünschen, Hoffnungen. Eben der Traum Ratzingers von einer perfekten Kirche. Dazu passt ein in „dauerhafter Sünde” lebendes Menschlein nicht, deshalb darf dieses Menschlein auch nicht zu den Sakramenten gehen. So ist es eben: Menschen entsprechen selten den Regeln, die für sie gemacht sind. Doch gerade die perfekten und ewigen Regeln der katholischen Kirche, die genau nach dem Willen Gottes gemacht sind – so Ratzinger – gehen oft an den Menschen vorbei. Doch nach welchen Regeln sollen wir leben?

Anlässlich des ersten Angelus Gebetes greift Papst Franziskus nun den Ansatz Kaspers auf: Er rühmt dessen Buch zur Barmherzigkeit und stellt diese in den Focus seines Pontifikats. So erklärt Franziskus vor den Gläubigen auf dem Petersplatz, dass sich alles ändere, wenn das Wort Barmherzigkeit die Herzen der Menschen erreiche. Ist das nun etwas Besonderes? Das ist es in der Tat, denn mit dieser Erklärung leitet Franziskus einen Generalangriff auf das System Ratzinger ein, denn mit keinem hatte Ratzinger sich länger und intensiver bekriegt als mit Kasper. Nun beginnt Franziskus mit Aufräumarbeiten. Sie münden – bislang – in der Erklärung zum Sündenregister der Kurie kurz vor Weihnachten 2014, in der etwa von geistigem Alzheimer, der eine Vergessenheit der „ersten Liebe“, der Heilsgeschichte des Herrn charakterisiert, der Ruhmsucht, der Geschwätzigkeit und des Tratschens, der Vergötterung der Vorgesetzten oder des ewigen Beerdigungsgesichts oder des materiellen Profitstrebens… die Rede ist.

Erinnert das nicht an die Dogmatische Konstitution Lumen gentium (Christus ist das Licht der Völker), promulgiert von Paul VI, in der es heißt: „die Sünder sind in ihrem eigenen Schoß, zugleich heilig und reinigungsbedürftig“… weshalb Christus gesandt wurde, die Sünden des Volkes zu sühnen (Hebr. 2, 17). Was für eine größere Sünde gibt es, als die Armen zu vergessen? Franziskus öffnet dazu den Weg: in der „Theologie des Volkes“, einer Armentheologie, über die der Glaube des Volkes einen Weg in die Zukunft eröffnet. Er knüpft damit an seine Erfahrungen aus Argentinien an. Während in dieser Zeit etwa Ratzinger Augustinus studiert, fährt Bergoglio mit dem Bus über Land, besucht seine Priester vor Ort, sieht, riecht und fühlt den Dreck und Schmutz vor Ort, kommt den Drogenbaronen in die Quere, die bereits Kinder als Kuriere einsetzen, weist seine Diözesen an, die Kinder zu beschützen. Er meidet die Höfe der Mächtigen, verschließt sich ihnen aber nicht ganz, um mindestens die ärgste Not lindern zu helfen. Das beschert ihm Feinde: in Argentinien, im Vatikan, in der Kurie… Doch Franziskus kümmert das wenig. Er weiß um den Geruch seiner Schafe, die längst nicht mehr den Geruch der Herde tragen!

Und so wohnt er wie selbstverständlich mitten unter den Menschen in Santa Marta, nimmt auch schon mal den Aufzugsmann oder die Putzfrau mit auf Reisen, weil es ihm so gefällt und diesen Menschen gut tut. Und er beginnt den Umbau der Kirche, die nach seinem Pontifikat nicht mehr die ‚alte‘ sein wird, rüttelt mit ‚Amoris Laetitia‘ an Grundfesten von Lehre und Tradition, bricht mit überkommenen Vorstellungen. Etwa indem er das Bischofsbild umkrempelt: der Hirte, der vor seiner Herde vorweggehe, sich bald aber in ihrer Mitte finde oder später auch am Ende, um versprengte Schafe einzuhegen, die Herde zusammenzuhalten, aber sich auch ihrem eigenen ‚Spürsinn‘ anvertraut, unbekannte Wege zu beschreiten. Der Hirte, der sich dem Spürsinn seiner Herde unterordnet – was für ein pastorales Bild. Und das durch den Papst selbst. – Lumen fidei!

Copyright IML Februar 2017