Kreuzestheolgie

Theologia crucis

Der österlichen Botschaft geht die Passionszeit voraus, sie kulminiert im Karfreitag. Die Ungeheuerlichkeit oder auch Unausweichlichkeit Jesu Leidensweg hat bereits bei Paulus zum Beginn einer Kreuzestheologie geführt: „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben (Jes.29,14): ‚Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.‘ (…) Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt zu retten, die daran glauben. Denn die Juden fordern Zeichen, die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein ‚Ärgernis‘ und den Griechen eine ‚Torheit‘; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.“ (1. Kor., 18-25).
Ein Blick auf die Formensprache: die uns geläufigen Bilder zu Kreuzesdarstellungen werden von modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus anthropologischen Forensik nicht gestützt. Besonders die Funde in einem Ossarium von 1967 in Jerusalem führen zu geänderten Erkenntnissen. Der Film von Simcha Jacobovici [http://www.spiegel.de/sptv/spiegeltv/tv-doku-geheimnisse-der-kirche-wie-wurde-jesus-gekreuzigt-a-1143100.html] dokumentiert dies nachvollziehbar. So ist Jesus mit ziemlicher Sicherheit an einem ‚Andreaskreuz‘ gestorben, das zugleich Stabilität wie Grausamkeit gewährleistet, verdurstet der Gekreuzigte doch in den meisten Fällen. Warum findet sich dann keine derartige Darstellung in den Gekreuzigtenbildern? Die Erklärung mutet so einleuchtend wie seltsam an: die Hochzeit der Kreuzigungen kam mit den Römern, historisch wurden die ersten Kreuzigungen im heutigen Irak, dann bei den Persern nachgewiesen, bis sie ins Römische gelangten. Doch mit der Konstantinischen Wende wandelte sich die Strafe in ein religiöses Staatssymbol, das ursprüngliche Symbol der Frühchristen aus dem Griechischen Chi / Rho verschwand zunehmend aus dem erinnerten Kontext. Ersetzt wurde es durch das T-Kreuz. Erhalten ist das Chi/Rho im symbolischen Zusammenhang. Die Forscher konnten nachweisen, dass Christus nicht an einem solchen Kreuz gestorben ist. Aus wissenschaftlicher Sicht sind die gewonnenen Erkenntnisse sehr bedeutsam, geben sie doch Aufschluss über konkrete Verhaltensweisen zu dieser Zeit. Gleichwohl: die Kreuzestheologie wird damit nicht anders kontextualisiert.
Der innere Bezugspunkt des äußeren Geschehens bleibt die paulinische Theologie. Für die im Glauben Lebenden heißt das, Kreuzestheologie lebt aus dem „Für uns“. Alles heil kommt vom Kreuz: Gott hat sich uns ausgeliefert indem er seinen Sohn opfert. Mit ihm gestorben ist der ‚alte‘ Mensch, das Fleisch in der Sünde (Röm.6,6). Gereinigt erwacht es gemeinsam mit Christus. In einem anderen Bild ausgedrückt: aus dem Alten werden wir erlöst durch die Taufe, die als Auferstehungsvoraussage die Zukunft eines neuen Lebens verheißt. Wir leben also auch hier wie in vielen anderen Bezügen vom Empfangen her: nicht wir gestalten, sondern wir ‚werden gestaltet‘ – wenn wir es denn zulassen.
Gleichwohl treiben uns auch weiterhin Zweifel um: wenn die heilsgeschichtliche Notwendigkeit des Kreuzestodes Christi (Lk 24, 7 gerechtfertigt wird durch die Auferstehung, die zugleich die Hinwegnahme unserer Schuld überhaupt erst ermöglicht, und über das zur Rechten Sitzen beim Vater die Verherrlichung des (fleischgewordenen) Menschensohns ist, als Verweis auf die irdische Anbindung des Menschen im göttlichen Heilsgeschehen (Joh. 1, 14; 13,31), so verzweifeln wir doch angesichts des totalen Geheimnisses des Verborgenbleibens Gottes. Denn über die tröstende Osterbotschaft hinaus bleibt die Frage der Theodizee weiter bestehen: warum bleibt Gott stumm und tatenlos angesichts des vielfachen Leids in der Welt? Insoweit lässt sich die soteriologische Trennung mit Blick auf die Erlösung von der Christologie mit Blick auf die Person Jesu seit Thomas von Aquin († 1274) an die Satisfaktionstheorie Anselm von Canterburys anknüpfen. Canterbury erblickte in der freiwilligen Selbsthingabe eine sittliche Tat des Gehorsams, die nicht nur in ihrem äußeren Geschehen begründet liegt, sondern in der Würde der jeweiligen Person. Die Wahl des Kreuzestodes war somit keine passive, nur hingenommene Ausführung des göttlichen Logos, sondern deren aktive Übernahme. Umgekehrt können wir dann sagen, dass die Ursünde Adams Gott in seiner unendlichen Würde wiederum unendlich verletzte, was letztlich über die unendliche Würde der Tat Christi aufgehoben werden und damit „beglichen“ werden sollte.

Canterburys Überlegung gründet dabei in einer korrespondenz-theoretischen Wahrheit: eine solche objektive Wahrheit anerkennt eine metaphysische Idee (Gott) und bindet diese zurück in die Wirklichkeit der Welt. Der Person Jesu als dem Menschengeschlecht zugesellt und zugleich der göttlichen Sphäre zugehörig bleibt die einzig mögliche Heils- und Erlösungstat. Die stattgefundene ‚unendliche‘ Beleidigung Gottes über die Ursünde wird wieder aufgehoben über die Sühne Jesu in einer ‚unendlichen‘ Genugtuung. Allerdings bleibt zu bemerken, dass Gott sich nicht zurücklehnt und auf ein wohlfeiles Opfer wartet, sondern immer schon die Initiative zur Versöhnung ergriffen hat(Röm 3, 25).

In Kol 1, 20 ist die Rede davon, die kosmische Versöhnung sei gebunden an das Kreuz, ergänzt durch Kol 2, 14f.: „Getilgt hat er den Schuldbrief, der wider uns war und durch die Satzungen gegen uns stand, und hat ihn aus der Mitte an das Kreuz geheftet. Er hat die Reiche und die Gewaltigen ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat seinen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.“

Anders gewendet: im Taufgedanken aus Röm 6, 6 entnehmen wir, dass unser alter Mensch gemeinsam mit Christus ans Kreuz geschlagen und gestorben ist. Dieses Sterben in Christus ist ein Wiedererstehen in ihm selbst, jenseits jeder Sünde, jenseits unserer adamitschen Vergangenheit. Im Taufgeschehen gehen wir ein in Christus, gehen ein in das was Christus im Kreuzestod bereits vorweggenommen hat.